Tierschützer-Demo in Stuttgart
© Roland Hägele
„Revolution in der Politik - Revolution auf dem Teller“
Stuttgart, 25.9.2016, L.K. Gestern versammelten sich Tierschützer vor dem Stuttgarter Rathaus und protestierten gegen Tierquälerei in der Intensivtierhaltung, die sowohl die EU-Kommission als auch die Bundesregierung fördern wollen, zum Nachteil der bäuerlichen Landwirtschaft, die dadurch zurückgedrängt wird. Sie protestierten gegen das fortgesetzte qualvolle Töten von Hunden in rumänischen Todessheltern und sprachen sich für eine „Revolution auf dem Teller“ aus - jeder bestimme durch sein Konsumverhalten langfristig das Angebot und könne dadurch mithelfen, tierquälerische Massentierhaltung zurückzudrängen.

Organisiert wurde die Veranstaltung von der "Union für Tiere in Not".


Der EU-Abgeordnete Stefan Eck ging in seiner Rede auch auf Unstimmigkeiten in der Tierschützer-Szene ein und sagte, es gebe angebliche Tierschützer, die im Vorfeld dieser Demonstration im Internet alles daran gesetzt haben, dass er nicht nach Stuttgart kommt. Auch der rumänische Tierschützer Claudiu Dumitriu, der in enger Zusammenarbeit mit deutschen Tierschutzgruppen steht, erwähnte das Problem der Feindseligkeiten innerhalb der Tierschutzszene, deren Ursache u.a. Selbstprofilierung und finanzielle Interessen seien. Man habe inzwischen mehr Probleme mit den Bösartigkeiten im Tierschutz, als mit den offiziellen Stellen im Tierschutz. Es gebe viele ehrliche Tierschützer und aktive Tierschutzvereine und FB-Gruppen, die korrekte Arbeit leisten, die dringend eine Union gegen diejenigen bilden müssten, deren Arbeit fragwürdig sei.


Dumitriu sprach über die inakzeptable Gesamtsituation in Rumänien, die zu einem großen Imageverlust des Landes geführt habe. Der rumänische Botschafter in Berlin, Emil Hurezeanu, habe dies verständen und daraufhin versucht, die hohen Entscheidungsträger zu überzeugen, worauf auch ein Treffen zwischen dem rumänischen Premierminister Dacian Ciolos und dem EU-Abgeordneten Stefan Eck zustande kam. Leider hätten die rumänischen Veterinärbehörden bisher aber noch keine klaren Signale gesetzt.
Klaus Buchner, EU-Abgeordneter, ging in seiner Rede explizit auf die „Intensivtierhaltung“ ein, die laut EU dann besteht, wenn weniger des Futters im eigenen Betrieb hergestellt werden und wenn mehr als 10 Rinder auf einen Hektar kommen. Durch die Förderung der EU entstehen immer mehr Betriebe, die Tausende von Schweinen oder Zehntausende von Hähnchen halten. Diese Tiere könnten keinesfalls artgerecht gehalten werden. Buchner schildert am Beispiel von Zuchtsauen die entsetzlichen Zustände in diesen Großbetrieben (mehr Informationen dazu gibt es bei der Albert-Schweitzer-Stiftung).
„Schweine sind sehr sensible Tiere mit ausgeprägtem Sozialverhalten, die ähnlich wie Hunde, untereinander, aber auch zum Menschen eine persönliche Beziehung aufbauen können, wenn sie die Gelegenheit dazu haben. Sie brauchen Auslauf, um ihren Bewegungsapparat gesund zu halten. Sie benötigen auch eigene Toilettenplätze, vor allem, wenn sie kleine Ferkel haben.


Nichts davon ist möglich, wenn sie in einer Intensivtierhaltung leben müssen. Normalerweise werden die Ferkel 3 bis 4 Monate gesäugt, in der Intensivtierhaltung sind dagegen nur 21 bis 28 Tage üblich. Danach werden die Muttersauen ins Besamungszentrum gebracht und nach etwa 5 Tagen wieder gedeckt. Die Jungsauen werden bereits mit 8 Monaten besamt, noch bevor sie ausgewachsen sind. Oft werden sie mit Hormonen behandelt, damit alle Sauen gleichzeitig besamt werden können und damit auch ihre Ferkel etwa zur selben Zeit bekommen. Man beachte: ich spreche hier nicht von der bäuerlichen Landwirtschaft, sondern von dem, was in der EU als „Intensivtierhaltung“ bezeichnet wird.
Im Besamungszentrum werden die Sauen in Metallkäfigen gehalten. Die aktuell empfohlenen Mindestmaße sind 2m x 70 cm, bei einer Mindesthöhe von 1,10 m. Eine große Sau kann sich darin nicht bewegen, ja nicht einmal mit ausgestreckten Beinen auf der Seite liegend schlafen. Der Boden ist meist hart und zur Hälfte durchlöchert, damit der Urin abfließen kann. In der Natur legen sich Schweine dagegen auf eine weiche Unterlage und verrichten ihre Notdurft in einiger Entfernung vom Lagerplatz. Der harte Boden kann zu Hautschäden führen, z.B. zu Dekubitus.


Um alle Tiere gleichzeitig besambar zu machen, werden in einigen Betrieben auch hier Hormone eingesetzt. Auch vor der Geburt („Abferkeln“) bekommen die Sauen oft Hormonspritzen, damit die Zeit besser planbar ist und das Personal entsprechend eingeteilt werden kann.
Heute wird auch in kleineren Betrieben fast immer künstlich besamt, jedoch meist ohne Hormonspritzen. Nach erfolgreicher Besamung kommen die Sauen in den Wartestall. Das ist die beste Zeit ihres Lebens, weil sie sich dort wenigstens ein wenig bewegen können und außerdem in Gruppen beisammen sind. Allerdings ist auch hier das Platzangebot bei weitem nicht ausreichend: Die „Buchten“, in denen die Tiere leben, müssen nur 2,80 m lang sein. Jeder Sau stehen nur 2,5 qm zu, wovon nur 1,3 qm als Liegefläche ausgestaltet sein muss. Man mache sich klar: die meiste Zeit ihres Lebens werden die Tiere in so enge Käfige gesperrt, dass sie sich kaum hinlegen können! Nur in der Zeit ihrer Trächtigkeit bekommen sie 2,5 qm zugestanden. Das ist so wenig, dass sie die dringend nötige Bewegung nicht haben. Im Freien würden sie umherlaufen und dabei ständig mit dem Rüssel in der Erde nach Nahrung suchen. Das ist auf dem harten Boden nicht möglich. Außerdem ist für sie das Laufen auf Böden mit Spalten schwierig und oft mit Schmerzen verbunden. Wegen der Enge kommt es auch immer wieder zu Rangkämpfen und Verletzungen.
Eine Woche vor der Geburt bis etwa 4 Wochen nach der Geburt kommt die Sau wieder in Einzelhaltung. Das ist wohl der schlimmste Teil ihres Lebens: meist werden sie „fixiert“, d.h. so eng eingesperrt, dass sie gerade noch liegen können. Und das auf einem harten Boden mit Spalten! Aber gerade vor der Geburt haben die Tiere einen starken Bewegungsdrang, weil sie ein weiches Nest bauen wollen. Während der Geburt will sich die Sau nach einiger Zeit umdrehen, um mit den ersten Ferkeln über die Nase Kontakt aufzunehmen. Danach will sie sich umdrehen, um die Geburt der übrigen Ferkel zu erleichtern. All das ist nicht möglich. Die Sau liegt praktisch bewegungsunfähig in ihrem Metallkäfig. Besonders schlimm ist, dass sie zum Koten und Harnen ihren Liegeplatz nicht verlassen kann. So kommen sowohl die Ferkel aus auch sie selbst ständig mit ihren Exkrementen in Berührung. Oft werden sogar die Zitzen beschmutzt. Das wäre in der Natur unmöglich.
Ich könnte noch lange vom Leid dieser Tiere erzählen. Für die meisten von uns ist es unvorstellbar, unter welchen Umständen das Fleisch aus dieser Art von Landwirtschaft erzeugt wird.“


Klaus Buchner hat die Kampagne KLAUS GRAUST’S gestartet, die deutlich macht, dass durch die Intensivtierhaltung auch erhebliche Probleme für den Menschen entstehen, da die Tiere durch den engen Kontakt sich untereinander sofort mit Infektionen anstecken, weshalb sehr häufig Antibiotika verabreicht werden müssen. Dadurch werden normale Keime abgetötet und die ursprünglich sehr seltenen Antibiotika-resistenten Keime können sich ungehindert vermehren. Das Problem dabei sei, dass die Gene, die sie resistent machen, auch auf andere Arten von Bakterien übertragen werden können, so das neue antibiotikaresistente gefährliche Keime entstehen, gegen die kein Medikament mehr hilft. Allein an den bei uns schon „üblichen“ antibiotikaresistenten MRSA-Keimen sterben in Europa schon heute ca. 50.000 Menschen jährlich.
Schließlich wies er auf die Gefahren der sogenannten „Freihandelsabkommen“ CETA und TTIP hin, durch die ein Vielfaches an Schweine- und Rindfleisch aus Kanada und USA importiert würden. Fleisch, das in Intensivtierhaltung unter Verwendung von Wachstumshormonen produziert wird und deshalb billiger als deutsches Fleisch aus bäuerlicher Landwirtschaft ist. Dadurch müssten noch mehr mittelständische Landwirte aufgeben. Dazu komme ein weiterer wichtiger Punkt: in Art. 21 des CETA-Abkommens steht, dass alle neuen Gesetze „unnötige Barrieren für den Handel und die Inverstitionen verhindern und beseitigen“ müssen. Dabei bedeute im amerikanischen Recht „unnötig“ alles, was nicht durch eindeutige, unbestrittene wissenschaftliche Erkenntnisse gesichert ist. Tierschutzrechte sind in diesem Sinn ganz eindeutig unnötige Barrieren für Investoren. Das heiße, dass alle Aktionen und Bemühungen für mehr Tierschutz hinfällig sind, sobald eines dieser „Freihandels“-Abkommen in Kraft tritt. Im Gegenteil: einige unserer Tierschutzgesetze würden aufgegeben werden müssen.
Er schloss seine Rede mit dem dringend Appell, Fleisch bewusster einzukaufen, sofern man Fleisch isst, sich an allen Aktionen gegen „Freihandelsabkommen“ zu beteiligen und den Politikern klar zu machen, dass man niemand wählt, der für diese Abkommen und damit auch gegen den Tierschutz stimmt.
Stefan Eck ging in seiner Rede u.a. auf das Elend der 330 Millionen Kaninchen ein, die in der EU jährlich gezüchtet, gequält und geschlachtet werden, vor allem in Frankreich, Spanien und Italien. Seit 2012 ist die Hühnerbatteriekäfighaltung EU-weit verboten, aber die Kaninchen wurden einfach übergangen und vegetieren nach wie vor in tierquälerischen Drahtkäfigen mit einem Platzangebot von gerade Mal einer DIN-A-4-Seite. Nach 1,5 Jahren Lobbyarbeit für diesen armen Wesen sei es ihm gelungen, den Zuschlag für einen Initiativ-Bericht im Agrar-Ausschuss des EU-Parlaments für Mindestanforderungen für Kaninchen in der Landwirtschaft zu erhalten. Seine Bemühungen würden von rechtskonservativen und rechtsextremen Abgeordneten vehement angegriffen.
Er lud die Versammelten ein, sich auf seiner Facebook-Seite näher zu informieren und die Bundesregierung und das Landwirtschaftsministerium zu diesem Thema anzuschreiben. Am 29. November werde über seinen Bericht im Agrar-Ausschuss abgestimmt, und wenn er dort angenommen wird, werde am 16. Januar 2017 im EU-Parlament in Straßburg über diesen Bericht abgestimmt.