Bezahlbare Wohnungen erhalten
© Roland Hägele
Joe Bauer
Rede von Joe Bauer
Schönen guten Tag in Zuffenhausen, hier in Stuttgarts drittgrößtem äußeren Stadtbezirk. Meine besten Grüßen auch an Zazenhausen, Neuwirtshaus und Rot.
Meine Damen und Herren, es ist mir eine Freude, heute in Zuffenhausen ein paar Sätze zu sagen. Ich halte es für ausgesprochen wichtig, dass die Menschen dieser Stadt in die Stadtteile kommen, um zu erfahren, wo sie eigentlich leben.
Viele glauben, Stuttgart bestehe aus Schlossplatz und Königstraße, und wenn man dann noch den Fernsehturm und das Mercedes-Benz-Museum gesehen hat, meint man, alles über den Kessel zu wissen. Tatsache ist: Je mehr Einkaufszentren und superteure Wohnkästen die Innenstadt verschandeln, desto rigoroser werden viele Stadtteile an den Rand der politischen und öffentlichen Wahrnehmung gedrängt.


Die Probleme in diesen Vierteln und Quartieren, aber auch die Initiativen und Leistungen der Bürgerinnen und Bürger, werden von der Stadtpolitik viel zu oft ignoriert. Der Finanzbürgermeister verbrüdert sich lieber mit dem Investor eines Hochhauses mit Quadratmeterpreisen von mehr als 15 000 Euro. Dabei sind es doch gerade die gewachsenen Lebensorte in den Stadtteilen, wo die Menschen noch das Gefühl von Heimat erfahren. Wo sie sich mit ihrer Stadt identifizieren.  Wo sie familiären Zusammenhalt finden, wo sie zu Hause sind – solange ihnen dieses Zuhause nicht weggenommen und zerstört wird.
Im Lauf der Zeit haben sich die Stadtteile verändert, viele Menschen aus der ganzen Welt sind hinzugekommen. Und wie dieses Leben in den Stadtvierteln funktioniert, das ist vor allem von den Wohnverhältnissen abhängig.
Liebe Freundinnen und Freunde, es gibt bei uns ein Menschenrecht auf Wohnen. Dieses Menschenrecht kann man leider nicht vor Gericht einklagen. Wir als Bürgerinnen und Bürger aber haben deshalb das verdammte Recht und die Pflicht, um vernünftige Wohnungen zu kämpfen.

Ich selber besitze übrigens keine Eigentumswohnung, bezahle seit Jahr und Tag Miete. Mir ist bekannt, wie viel Glück, wie viel Dusel man braucht, um heute eine bezahlbare Wohnung zu finden. Auf eine übliche Wohnung kommen in Stuttgart mehr als 70 Bewerbungen – oft noch viel mehr. Wie hoffnungs- und chancenlos also müssen wir uns als Wohnungssuchende vorkommen, wenn Hunderte für eine einzige Bleibe Schlange stehen?


Allein in den vergangenen 5 Jahren sind die Mieten in Stuttgart um mindestens 25 Prozent gestiegen. Schon lange redet man nicht mehr von Wohnungsmangel – sondern von eklatanter Wohnungsnot.
Und wenn wir heute ausgerechnet hier in Zuffenhausen gegen den wachsenden Mietwahnsinn demonstrieren, dann vor allem deshalb, um gegen den Abriss bezahlbaren und gut erhaltenen Wohnraums, dem Kahlschlag aus reinen Profitgründen, zu protestieren. Aber wir protestieren auch, um auf die wahren Gefahren dieser Vertreibung eingesessener Menschen hinzuweisen: Die Wohnungsnot bedroht mehr denn je unseren gesellschaftlichen Frieden. Viele Verlierer schieben alles Übel den Geflüchteten und den Asylanten in die Schuhe. Und die Opfer der profitorientierten Immobilienpolitik wählen aus Angst, Wut und Neid die AfD. Dabei ist klar: Wir lösen nicht soziale Probleme, indem wir rechte Politiker, rassistische Hetzer und demokratiefeindliche Rattenfänger unterstützen.

Stuttgart – das wissen wir nicht erst seit den Skandalen um das Immobilienprojekt Stuttgart 21 – hat seit mehr als 20 Jahren die Stadtentwicklung weitgehend den Investoren überlassen. Diese Stadt verliert ihr Gesicht und ihren Charakter. Viele Normal- und Geringverdiener werden systematisch aus der Stadt hinausgebaut. Von den Armen ganz zu schweigen. Diese undemokratische Wohnungspolitik ist mit ein erschreckendes Beispiel dafür, wie die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht.
Fortwährend behaupten Politikern, egal ob von CDU, SPD oder ähnlichen Vereinen: Den Wohnungsbau könne man dem freien Markt überlassen – der Immobilienwirtschaft. Also den Geschäftemachern!
So hat die Landesbank mithilfe der Politik 25 000 bezahlbare Wohnungen ohne Not an einen Immobilienkonzern verhökert – an eine Heuschrecke, die diese Wohnungen prompt mit horrendem Millionengewinn an den nächsten Hai weiterverscherbelte.
Bei uns wird auf Teufel komm raus mit Wohnraum und Boden spekuliert – obwohl jeder weiß, wie begrenzt diese Ressourcen sind.
Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter, Zuffenhausen ist am heutigen Samstag ein symbolischer Ort. Wohnungen müssen für Menschen gebaut werden – und nicht nur für Profite. Sonst werden die Risse in unserer Gesellschaft noch größer und gefährlicher, als sie ohnehin schon sind.
Zuffenhausen, denke ich, ist ein guter Ort, ein guter Startplatz, ein Anfang, um im Kampf um unser Recht auf Wohnen ins Zentrum der Stadt vorzudringen. Bleiben Sie tapfer und aufrecht! Vielen Dank.