Für das Menschenrecht auf Leben und Frieden
© Roland Hägele
Grohmann:Ich will mich nicht daran gewöhnen!
Stuttgart, 10.12.2015, L.K. Heute ist der Tag der Menschenrechte. Deutschland begeht ihn mit der Entsendung der ersten Soldaten in den Kriegseinsatz nach Syrien. Am Morgen starteten ein Bundeswehr-Airbus A400M mit 40 Soldaten und zwei „Tornado“-Kampfjets von Jagel in Schleswig-Holstein in Richtung Incirlik in der Südtürkei. Dort befindet sich die NATO-Militärbasis, von der aus die deutschen Kampfjets ab Januar 2016 zu ihren Aufklärungsflügen über Syrien aufbrechen werden. Von Köln-Wahn startete ein Lufttankflugzeug mit demselben Ziel.
In Stuttgart versammelte sich um 17 Uhr auf dem Karlsplatz vor dem Mahnmal gegen Krieg und Faschismus eine größere Anzahl Menschen, um für den Erhalt von Frieden und damit gegen diesen stark umstrittenen Kriegseinsatz der deutschen Bundeswehr zu protestieren und das Recht auf Menschenrechte für alle Menschen einzufordern. Neben dem Politikwissenschaftler Prof.Dr.Elmar Altvater und Heike Hänsel, MdB für DIE LINKE, Henning Zierock (GKF) hielt auch der Stuttgarter Kabarettist und Friedensaktivist Peter Grohmann eine eindringliche Rede:


„Der heutige Abend ist eine Demonstration für das Menschenrecht auf Leben, auf Frieden! So geräuschlos ist Deutschland noch nie in einen Krieg geglitten. Und dennoch dürfen wir uns nicht daran gewöhnen!
Ich will mich nicht daran gewöhnen, dass Deutschland Teil einer Kriegsmaschinerie ist.
Ich will mich nicht daran gewöhnen, dass der mühsame Frieden zerstört und zerfressen wird.
Ich will mich nicht daran gewöhnen, dass das alles normal ist, dass es normal ist, in den Krieg zu ziehen, dass es normal ist, mit Waffen zu handeln, dass es normal ist, ohne langes Gerede JA zum Krieg zu sagen, frohgemut in die Katastrophe: Denn sie wissen nicht, was sie tun!
Ich kann es nicht glauben, dass dieses Schweigen ist im Land, dieses Zuschauen und diese Verharmlosung des Krieges!
Wir dürfen uns nie daran gewöhnen, dass das Recht des Stärkeren gilt - wo auch immer!
Wir dürfen uns nie daran gewöhnen, dass das Recht auf Asyl noch weiter ausgehöhlt wird, dass die Charta der Menschenrechte nichts ist, als das Versprechen für übermorgen.
Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass täglich 30.000 Kinder verhungern - 30.000 und mehr, dass Ernten im Meer versenkt werden, um den Getreidepreis stabil zu halten.
Ich will mich nicht daran gewöhnen, dass Hunderttausende im eigenen Land nicht satt werden, dass Hunderttausenden im eigenen Land der Zugang zu Gesundheit, Bildung und einem würdevollen Leben verwehrt wird.


Wir dürfen uns nie daran gewöhnen, dass der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ zu einer leeren Floskel verkommt.
Ja: Wir sind gegen Gewalt und Vergessen, gegen Terror und Krieg, wo auch immer. Oft haben wir keine schnellen Antworten auf hundert Zweifel, auf tausend Fragen. Aber Krieg ist immer die falsche Antwort.
Wir dürfen uns nicht an die Barbarei einer globalisierten Welt gewöhnen: an die Ausplünderung armer Länder, die Waffenlieferungen, an die Unterstützung von Despoten und Diktatoren, Tyrannen und Sklavenhaltern.
Wir dürfen uns nicht an das Aushebeln elementarer Grundrechte gewöhnen, nicht in Ungarn, nicht in der Türkei, nicht in Polen.
Wir dürfen uns nicht an den Triumph des Front National gewöhnen.
In Solidarität und Geschwisterlichkeit sagen wir: Non! Nein! Njet! No! Nie! Hayir! Neniu! nincs! Babu! Sin! Óchi! Nein!
Nein zu Populismus, nationaler Engstirnigkeit, Rassismus und Gewalt.
Ich möchte nicht, dass die Deutungshoheit über die Moral die bekommen, die keine haben. Es gibt die Unschuld des Nicht-Wissens nicht mehr. Wir wissen, dass der Wohlstand auf Unrecht aufgebaut ist.
Wir wissen, dass wir die Erde zerstören.


Und wir können auch längst nicht mehr ignorieren, dass Andere arm sind, weil wir reich sind.
Wir werden uns nicht herausreden können mit den immer gleichen Worten: „Davon haben wir nichts gewusst“. Nein, wir werden es gewusst haben.
Aber ich will mich daran gewöhnen, mit Menschen gelebt und gekämpft zu haben, die aufstehen, wenn es notwendig ist! Heute, jetzt! Mit Menschen, die Nein sagen!
Ich will mich daran gewöhnen, an Eurer Seite zu sein: Mit Menschen, die Herz und Verstand besitzen, die mit Fantasie und Solidarität für Gerechtigkeit und Frieden eintreten: Mit Menschen wie Euch. Danke“