Widerstand gegen militärisches Adventskonzert
© Roland Hägele
Luther-Kirche in der Kritik
Stuttgart, 2.12.2015, L.K. Die evangelische Luther-Kirche in Bad Cannstatt hatte für heute Abend zu einem Adventskonzert mit dem Heeresmusikkorps Veitshöchheim geladen. Diese militärische Veranstaltung in einer Kirche zur Adventszeit wollte die „Stiftung Friedensarbeit“ in Stuttgart nicht widerspruchslos hinnehmen, weshalb sie am 17. November 2015 einen Brief an den Pfarrer der Luther-Kirche Dr. Ulrich Dreesmann und den Kirchengemeinderat schrieb, in dem sie ihre Auffassung zu dieser Veranstaltung darlegte und die Verantwortlichen aufforderte, von der Einladung der Militärkapelle Abstand zu nehmen.
Der Brief wurde heute bei der Demonstration gegen den Kriegseinsatz der Bundeswehr in Syrien vor dem Bahnhof in Bad Cannstatt öffentlich verlesen:
„Den „Stuttgarter Nachrichten“ vom Martinstag, den 11. November, Meldung und Kommentar von Eva Funke, haben wir entnommen, dass Sie am 2. Dezember zu einem Adventskonzert einer Militärkapelle in die Luther-Kirche nach Cannstatt einladen.
Als Christen, und unter uns besonders die Mitglieder der evangelischen Landeskirche in Württemberg, bitten wir Sie herzlich, von dieser Einladung Abstand zu nehmen.


Es ist nicht Auftrag der Kirche, eine Plattform für die Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr zu bieten. Wir verstehen nicht, dass bei Ihnen ein Adventskonzert nicht von den Kirchenchören oder Kirchenmusikern gestaltet wird. Viele sehen in solchen Auftritten der Bundeswehr in Kirchen ihre innersten Glaubensempfindungen verletzt. Für den evangelischen Glauben ist Gewaltfreiheit maßgebend. Biblische Texte für den Advent weisen auf den erwarteten Messias, der nicht auf einem Streitross und mit Schwert erwartet wird, sondern auf einem sanftmütigen Esel (Sacharja 9). Sie aber ersetzen diese Aussagen durch den Auftritt einer Militärkapelle.
Jesus Christus hat Feindesliebe und Gewaltfreiheit vorgelebt bis zu seiner Kreuzigung. Ihn glauben wir als Auferstandenen.
Das christliche Verständnis von Frieden und Sicherheit unterscheidet sich vom militärischen. Ihre Überzeugung entfalten Christen und Kirchen konfessionsübergreifend seit Jahrzehnten in einem weltweiten konziliaren Prozess zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.
Gerade auch das Überwinden des Terrorismus ist eine spirituelle, soziale und polizeiliche Aufgabe. Militäreinsätze wie im Irak oder Libyen haben den Terrorismus keineswegs vermindert.


Auslandsmissionen der Bundeswehr sollen Handelswege sichern. In Büchel üben Bundeswehrpiloten den Einsatz von Atomwaffen. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen dagegen, dass für soziale und demokratische Besserungen die Gewaltfreiheit erfolgreicher ist, als das Militär.
Die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) im Bereich der EKD und die bundesweite Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK) warnen in ihrer Presseerklärung zum Antikriegstag, „wenn die Bundeswehr Konzerte in Kirchen durchführt, wirbt sie zugleich für ihr militärgestütztes Sicherheitskonzept“. „Sie nutzt dabei die besondere Ausstrahlung und Prägung des Kirchenraumes für ihre Öffentlichkeitsarbeit und bedient sich des positiven Ansehens der Kirche in weiten Teilen der Bevölkerung“, so der EAK-Vorsitzende Oberkirchenrat Münchau.


Die christlichen Kirchen haben sich weltweit und auch in der EKD für die unbedingte Vorrangigkeit der gewaltfreien Konfliktbearbeitung ausgesprochen. Das sollte in Kirchenbezirken und Gemeinden durchbuchstabiert werden. Es bedeutet auch, dass Kirchen ebenso wie die staatliche Gemeinschaft zumindest mehr an Mitteln und Personal für gewaltfreie Konfliktbearbeitung zur Verfügung stellen müssen, als für militärische Aktivität. Unsere badische evangelische Nachbarkirche hat einen friedensethischen Prozess begonnen, in dem diese Option landeskirchenweit umgesetzt werden soll. Wir wünschen uns für die württembergische Landeskirche das gleiche Vorgehen. Keinesfalls sind wir der Meinung, dass Gewaltgläubigkeit eine Voraussetzung für leitende Tätigkeit auf den verschiedenen Ebenen von Kirche sein kann.“
Klare Worte, unterzeichnet von den Erstunterzeichnern Werner Dierlamm, Werner Gebert, Friedrich Gehring, Rainer Schmid, Ulrich Schmitthenner, Martin Seitz, Harald Wagner und Dr.Sören Widmann.