Die Leonberger Tafel
© Roland Hägele
Immer mehr Menschen kommen

Stuttgart, 19.11.2015, L.K. Seit 12 Jahren gibt es in Leonberg Tafel-Läden, der Laden in der Wilhelmstr. in Leonberg-Eltingen ist bereits der dritte seiner Art in Leonberg; auch ihn gibt es schon seit 6 Jahren und Andrea Scharein, eine der beiden Marktleiterinnen, ist im Großen und Ganzen sehr zufrieden mit dem Verlauf des Projekts. Finanziert wird es vom Evangelischen DiakonieVerband Böblingen (EDiV), vom Kirchenbezirk Leonberg und über Geld- und Sachspenden. Mehrere Discounter, 2 Bäckereien, Erzeugerbetriebe, aber auch Biobauernhöfe spenden Lebensmittel, man habe sehr gutes Bäckerbrot im Angebot, hebt Monika Gronenborn lobend hervor. Sie arbeitet seit 3 Jahren ehrenamtlich im Laden, früher war sie selbst Geschäftsfrau, und nach dem Tod ihres Mannes entschloss sie sich, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen und sich ehrenamtlich zu engagieren.


Es kommt auch mal vor, dass eine Biobäuerin aus der Umgebung anfragt, ob man Eier brauchen könne, da ein Großteil der Kundschaft gerade im Urlaub ist, die Hühner allerdings nicht. Oder die Junghennen legen Eier, die für den kommerziellen Verkauf zu klein sein - auch sie finden ihren Weg in den Tafel-Laden. Das Angebot ist vielfältig, aber natürlich nicht immer gleichbleibend. Deshalb werden einzelne Artikel an Tagen, an denen nur wenig davon vorhanden ist, nur in festgelegten Mengen abgegeben, um sie möglichst gerecht zu verteilen.
3x täglich wird frische Ware angeliefert, schon bei der Abholung achten die FahrerInnen auf gute Qualität, das sei aber ohnehin kein Problem, denn es werde eigentlich nur gute Ware abgegeben. Im Laden wird Alles geprüft, sortiert und in die Regale geräumt. Der Laden ist von Montag bis Freitag täglich zwischen 2 und 4 Stunden geöffnet, täglich sind ca. 6 ehrenamtliche HelferInnen im Einsatz, die immer wieder auch mal Verstärkung von Leuten erhalten, die ihre behördlich verordneten Sozialstunden im Laden ableisten. Auch diese Zusammenarbeit funktioniere gut.


Um im Tafel-Laden einkaufen zu können, braucht jeder Kunde einen Ausweis, den er auch bei jedem Einkauf erneut vorzeigen muss. Vor Erhalt des Ausweises müssen die Einkommensverhältnisse nachgewiesen werden, um Missbrauch zu verhindern.
Im Gegensatz zu manch anderen Tafel-Läden (z.B. in Berlin) können die Leonberger Kunden die Artikel kaufen, die sie benötigen, das findet Monika Gronenbaum gut. Es gäbe auch das Konzept, nur fertig gepackte Tüten mit jeweils den gleichen Artikeln zu einem Festpreis zu verkaufen, eine eigene Wahl hat der Kunde nicht, sondern er muss halt die Artikel nehmen, die in der Tüte sind.
Auf die Frage, ob es auch eine Hemmschwelle bei den Menschen gibt, im Tafel-Laden einzukaufen, antwortet sie, ja, nach ihrer Wahrnehmung vor allem bei deutschen Rentnern und RentnerInnen, die sich im Alter in Armut wiederfinden und dadurch das beschämende Gefühl haben, wohl etwas falsch gemacht zu haben. Ausländer hätten damit weniger Probleme, und die neu hinzugezogenen Flüchtlingen gar nicht, da sie froh über die gute günstige Einkaufsmöglichkeit sind und die Situation hierzulande noch nicht einschätzen können.


Flüchtlinge stellen einen schnell anwachsenden Teil der Kundschaft, erst vor 2 Tagen kamen 100 weitere Asylsuchende in Leonberg an. Verzeichnete man im Laden zwischen November 2014 bis 14.9.2015 107 Erwachsene und 47 Kinder als Kunden, waren es vom 14.9.2015 bis 18.11.15 bereits 199 Erwachsene und 122 Kinder.


Mohanad D. ist seit 6 Monaten Stammkunde im Tafel-Laden. Der 29jährige Syrer kam vor einem Jahr mit einem der klapprigen Schiffe nach Lampedusa und dann in ein Erstaufnahmelager nach Karlsruhe. Von dort wurde er nach Kornwestheim weitergeleitet und fand schließlich eine Wohnung in Renningen nahe Leonberg. Das war sein Glück, denn nun konnte er auch seine Frau und seine beiden Kinder aus dem Flüchtlingscamp im Libanon, in das sich die Familie aus Syrien geflüchtet hatte, nach Deutschland holen. Weder in Syrien noch im Libanon gebe es eine Zukunft für sie, die ganze Hoffnung lag für ihn und seine Familie in Deutschland. Jetzt sucht er Arbeit, das JobCenter unterstützt ihn dabei. Daheim in Syrien hatte er einen Lebensmittelladen, er kennt sich mit Geschäftsführung, Einkauf und Verkauf aus, aber was für berufliche Möglichkeiten sich in Deutschland für ihn eröffnen werden, weiss er noch nicht. Einige Bewerbungen hat er schon geschrieben und hofft, bald eine Stelle zu finden.


Die deutsche Sprache ist der Schlüssel zu einem Leben in unserer Gesellschaft für ihn, deshalb nimmt er rege am Deutschunterricht teil, der leider nur 3 x wöchentlich erfolgt. Aber er hat unsere Sprache inzwischen so gut gelernt, dass wir unser Gespräch ohne Dolmetscher flüssig führen können.
Ich frage ihn nach seinen Eltern, wo sie leben und wie es ihnen geht, worauf er strahlend lächelt und förmlich aufblüht: heute Abend wird er seine Eltern wiedersehen! Um 22 Uhr kommen sie an!
Auch für sie hatte er den Nachzug beantragt, der aber abgelehnt wurde. Das stürzte ihn in ein großes Dilemma - er musste seinen Eltern sagen, dass er es zwar bis nach Deutschland geschafft hat, sie aber nicht nachkommen können. Seine Eltern (72 und 53 Jahre alt) entschieden sich daraufhin für die gefährliche Schlauchboot-Überfahrt von der Türkei nach Griechenland, und schlugen sich danach über die Balkanroute teils zu Fuß, teils per Zug nach Deutschland durch. Das Glück darüber, dass sie diese Reise überlebt haben, leuchtet ihrem Sohn aus dem Gesicht.