Refugees Welcome
© Roland Hägele
Flüchtlinge brauchen legale sichere Fluchtwege
Stuttgart, 26.9.2015, L.K. Am Nachmittag fand heute eine privat initiierte Kundgebung unter dem Motto „One World - Free People - Refugees welcome“ statt. Die Bands „Antiheld“ und „Grüne Welle“ begleiteten die Veranstaltung musikalisch, die Redebeiträge kamen von DIDF (Föderation der Demokratischen Arbeitervereine), einigen Vertretern des Flüchtlingsaktivisten Rex Osa (der es zeitlich nicht selbst zur Demo schaffte), drei Augenzeugen, die die Zustände an der ungarischen Grenze persönlich gesehen haben und von Klaus Stramm, der an Rettungseinsätzen der „Sea-Watch“ vor der libyschen Küste teilnahm.
Alle Redner waren sich in ihrer Kritik an der Abschottungspolitik der EU und ihrer Forderung nach Bekämpfung der Fluchtursachen (Kriege, Ausbeutung von Ländern, machtpolitische Interessen) und der Schaffung von legalen Fluchtwegen einig.
Franklin Ndam vom selbst-organisierten Netzwerk „Refugees for Refugees“ in Stuttgart hielt eine emotionale Rede und legte dabei die Situation der Flüchtlinge in Deutschland dar. Eine selbstbewusste, starke Rede, in der er darauf verwies, dass die Flüchtlinge aus den verschiedensten Ländern der Erde aufgrund der Kriege und Konflikte, die dort herrschen, dazu gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen. Doch angekommen in Deutschland werden sie in isolierte Lager gesteckt, bekommen keine Arbeitserlaubnis, statt dessen Residenzpflicht und fühlten sich als niederwertige, rechtlose Menschen behandelt. Die Menschen fühlten sich nicht sicher hier, sie wollten in ihre Heimatländer zurück, sagt er, deshalb müsse die Ausbeutung und Zerstörung dieser Länder gestoppt werden. Den Rassismus, der sich derzeit in Deutschland in Form von Angriffen gegen Flüchtlingsheime täglich zeigt, verurteilt das Flüchtlings-Netzwerk aufs Schärfste, er stehe in krassem Gegensatz zur „Willkommenskultur“, von der so viel die Rede ist.


Anstatt in FRONTEX zu investieren, sollten die Fluchtursachen bekämpft werden. Die Waffenexporte, die Deutschland als drittgrößter Waffenlieferant tätigt, seien der Grund, weshalb tausende Flüchtlinge nun hierher kommen, und man müsse mit weiteren Millionen rechnen, wenn die Waffenexporte nicht gestoppt werden. Er erinnert sich an einen 13jährigen Jungen, der an der Grenze zu Ungarn festsaß und weinend sagte: „Alles, was wir brauchen, ist, dass der Krieg endet. Wir möchten wieder nach Hause zurückkehren.“
Sehr beeindruckend auch der ausführliche Bericht von Klaus Stramm, der über die Rettungseinsätze der Sea-Watch und die erschütternden Zustände auf den Flüchtlingsbooten berichtete, die von Libyen aus ihre lebensgefährliche Seereise nach Europa antreten.


Die Sea-Watch ist ein hochseetauglicher Kutter, den einige engagierte Privatleute aus privaten Mitteln der Initiatoren und Unterstützern erwarben und aufwändig umbauten, um ihn für die Rettungseinsätze fit zu machen. Unter ihnen auch Harald Höppner, der im April als Gast der Talkshow von Günther Jauch eine Schweigeminute für die im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge erzwang. Damals wurden die Initiatoren der Sea-Watch noch von Vielen für ihr „unrealistisches“ Vorhaben belächelt, heute blicken sie bereits auf einige wenige Einsätze zurück, mit denen sie weit über 2.000 Menschenleben retten konnten.
Klaus Stramm nahm an einem Einsatz teil, der am 19.August 2015 von Lampedusa aus startete, und seinen ersten Kloss im Hals hatte er, als beim Ablegen des Schiffes eine ältere italienische Dame mit zum Gebet gefalteten Händen dem Schiff immer wieder „Mille Grazie“ nachrief. Er schildert die Fahrt entlang der libyschen Küste, selbst in 50 km Entfernung sind nachts die Raketen und Lichtpilze von Bombenexplosionen auf dem libyschen Festland zu sehen, Beklemmung macht sich breit, es ist Jedem vorstellbar, was dort los ist. Dann treffen sie auf das erste völlig überladene Rubberboat mit Migranten. An Bord sind ca. 150 Afrikaner aus Eritrea, Somalia, Sudan und Nigeria, auch einige Frauen und Kinder. Das Boot ist 10 - 12 m lang, die Leute stehen eng gedrängt darin, keine Möglichkeit sich hinzusetzen, keine Toilette, kein Essen kein Trinken. Der Motor ist kaputt, sie trieben schon stundenlang auf dem Meer, den Tod vor Augen. Viele von ihnen hatten keine Hoffnung mehr, beteten und warteten darauf, zu sterben. Auf dem Boden ein fürchterliches stinkendes Gemisch aus Salzwasser, Benzin, Exkrementen und Erbrochenem. Die Schläuche des Bootes verloren bereits Luft und die Menschen hätten den Tag wohl nicht überlebt, wäre nicht die Sea-WatchCrew zu Hilfe gekommen. Sie verteilten Schwimmwesten, evakuierten einen Teil der Menschen auf eine Rettungsinsel, versorgten die Leute mit Trinkwasser und ärztlicher Behandlung. Gleichzeitig wurde das Rettungszentrum in Rom informiert und nach einigen Stunden stieß dann auch ein Schiff der Guardia Finanza (Zoll) zu ihnen und brachte die Geretteten nach Lampedusa.
Er schildert weitere dramatische Rettungsaktionen, einmal trafen sie auf einen Schlag auf fünf Boote, auf denen sich über 600 Personen befanden, darunter mehrere Verletzte mit Arm- und Beinbrüchen, unbehandelt. Auch diese Menschen können gerettet werden, aber auf dem Boden des Boots liegen die zugedeckten Leichen einer schwangeren Frau und eines jungen Mannes - sie sind kollabiert und in der Brühe, die auf dem Boden schwappte, vermutlich ertrunken oder zerdrückt worden. Eins der Boote war schon mehr als 2 Tage völlig orientierungslos unterwegs und fuhr immer im Kreis.


Er berichtet von stundenlangem Warten, bis endlich die Rettungsschiffe eintreffen, derweil die Schiffbrüchigen ohne Essen und Trinken und ohne Sonnenschutz in der prallen Sonne auf den Booten ausharren. Die Sea-Watch hat Trinkvorräte geladen, aber die reichen nicht aus, schließlich verteilen sie auch die Trinkrationen der Crew. Sie fordern die Leute auf, sich das Wasser zu teilen, weil es für Alle reichen muss, und die Leute teilen es auch wirklich miteinander. Solidarität in größter Not.
Die Crew spricht mit den Leuten, fragt danach, woher sie kommen und weshalb sie flüchten. „Libyen ist die Hölle“, sagen sie, es ist besser auf dem Meer zu sterben, als dort zu sein. Sie zeigen ihre Folterspuren, berichten von systematischen Vergewaltigungen, Erpressung, wie sie von kriminellen Banden und Milizen überfallen und ausgeraubt wurden. „Wir wurden dort behandelt wie Tiere“.


Die Zusammenarbeit mit dem italienischen Rettungszentrum in Rom und der italienischen Küstenwache habe sehr gut funktioniert, sagt Stramm. Eine aktive Seenotrettung durch Marineschiffe existiere jedoch nicht, auch die Bundesmarine war während seines Einsatzes nicht zu sehen. Er ist der Meinung, das sei politisch so gewollt, weil Europa keine Flüchtlinge aufnehmen will. Vielmehr würden alle legalen Fluchtwege versperrt. Nun will Europa Jagd auf die Schlepper machen, das lässt ihn erschaudern. Die Schlepper sitzen nicht in den Schlauchbooten, mit denen die Flüchtlinge aufs Meer geschickt werden, sie sitzen seines Wissens in den Hinterzimmern von Tripolis oder Istanbul, in der Sahara und im Sudan, in den Milizen und Regierungen.
Für ihn stellt sich die Frage, wie man durch diese Politik weitere Tote verhindern will - oder will man besser die Lebenden von Europa fern halten? Die Scheinheiligkeit dieser Politik erschüttert ihn. Auch die Teilnehmer der Kundgebung - darunter viele junge Menschen - sind erschüttert von seinen Schilderungen, viele nachdenkliche, beeindruckte Gesichter in der Menge.


In den Herbst- und Wintermonaten gibt es keine Rettungseinsätze, da wegen des Wetters auch keine Flüchtlingsboote unterwegs sein werden, aber im nächsten Jahr will Klaus Stramm wieder an den Rettungseinsätzen teilnehmen, um möglichst viele Menschen, die auf diese lebensgefährlichen Fluchtwege gezwungen werden, vor dem Tod zu bewahren.
Je nach Finanzlage, die natürlich stark von Spenden abhängig ist, ist sogar die Anschaffung eines zweiten Schiffes geplant, da auf die Hilfe der EU nicht gezählt werden könne. Er verweist in diesem Zusammenhang auf die Einstellung des Seenotrettungs-Projekts „Mare Nostrum“, das aus finanziellen Gründen eingestellt wurde, da es Kosten von 110 Millionen € verursachte - im Vergleich zum EU-Gesamthaushalt von über 150 Milliarden € eine geradezu lächerliche Summe, nicht einmal 0,1 % des Haushalts. Seine bittere Erkenntnis: Es geht der EU nicht um die Toten, und die Überlebenden will sie nicht haben. Stattdessen investierte die EU in den letzten Jahren 2 Milliarden € in den Ausbau der europäischen Grenzzäune und deren Überwachung.
Wer die Sea-Watch unterstützen möchte, kann gegen Spendenbescheinigung seinen Beitrag auf folgendes Konto leisten: DE11 4306 0967 4005 7941 00 BIC: GENODEM1GLS GLS Bank Bochum, Kontoinhaber borderline-europe e.V., Stichwort „Sea-Watch“