Flüchtlingsunterkunft Feuerbach
© Roland Hägele
Fremd ist nur das Unbekannte
Stuttgart, 12.9.2015, L.K. Fremd ist nur Derjenige, den wir nicht kennen. Sobald wir einen Menschen und seine Geschichte, sei es auch nur in groben Zügen, kennenlernen, schwindet die Fremdheit und wir beäugen ihn nicht mehr misstrauisch aus der Distanz. Noch schneller verflüchtigt sich die Fremdheit, wenn wir mit einem Menschen in einer gemeinsamen Sprache reden können, und sei es auch mit Hilfe eines Übersetzers.
Diese Erfahrung haben wir heute wieder bei unserem Besuch in der Flüchtlingsunterkunft Feuerbach gemacht.


Hier gibt es seit Mai 2015 eine Containerunterkunft für Flüchtlinge in der Bubenhaldenstrasse, die max. 78 Menschen Platz bietet. Derzeit entsteht ein zweiter gleichartiger Bau direkt nebenan, der im Dezember 2015 bezugsfertig sein soll. Die Bewohner kommen aus Syrien, Irak, Eritrea, Somalia, ja sogar aus Nordkorea und anderen Ländern.
Anfangs sträubten sich viele Anwohner gegen die geplante Unterkunft, sie hängten Protestplakate an ihre Zäune und Garagen, zwei Nachbarn verkauften sogar ihre Häuser und zogen weg. Inzwischen hat sich der Widerstand gelegt, vielmehr kommen einige Anwohner nun sogar als ehrenamtliche Helfer in die Unterkunft, helfen bei Behördengängen und Arztbesuchen, bei Umzügen und der Bewältigung des Alltags oder engagieren sich als Dolmetscher wie Herr Majsoub, der bereits vor 52 Jahren als Student aus Syrien nach Deutschland kam. Er lernte in Feuerbach seine Frau kennen und blieb für immer. Nun ist er Rentner und verbringt den größten Teil seiner Zeit in der Flüchtlingsunterkunft, kümmert sich um die Bewohner und leistet mit seiner Dolmetschertätigkeit unschätzbare Hilfe.


Wir sind mit Roland Saur vom Freundeskreis Flüchtlinge Feuerbach und Abd’el Rahman Majsoub vor der Flüchtlingsunterkunft verabredet, die uns freundlich begrüßen und mit mehreren Bewohnern bekannt machen. Viele halten sich bei dem schönen Wetter im Freien auf, Kinder flitzen mit ihren Fahrrädern herum und schauen uns neugierig an, auch die Erwachsenen werfen uns interessierte Blicke zu.
Wir würden gerne ein Gespräch mit einem der Bewohner führen, und schon der Erste, den unser Dolmetscher fragt, ist sofort bereit dazu und bittet uns freundlich in sein Zimmer, das er mit zwei weiteren Männern teilt. Auf 14,56 qm drängen sich ein Stockbett, ein Einzelbett, drei schmale Schränke, eine Kommode, ein Tisch und 3 Stühle. Ja, sagt Ilias Yosef-Woldemicael, wir können gerne seinen vollen Namen und ein Foto von ihm veröffentlichen.


Der 55jährige Eritreer flüchtete schon vor 25 Jahren vor dem Krieg in seiner Heimat nach Saudi-Arabien. Er fand Arbeit als Taxifahrer, kehrte aber dennoch nach einigen Jahren wieder nach Eritrea zurück. Als er dort zum Militär eingezogen werden sollte, flüchtete er erneut nach Saudi-Arabien, wo ihn sein früherer Arbeitgeber wieder einstellte. Dieser Arbeit ging er jahrelang nach, bis plötzlich ISIS-Mitglieder an ihn herantraten und ihn zwingen wollten, vom Christentum zum Islam zu konvertieren, andernfalls er ein toter Mann wäre. Daraufhin nahm er sein Erspartes und flog nach Italien, von dort dann weiter nach Deutschland. Hier lebt er seit 2 Monaten und wartet auf seine Aufenthaltsgenehmigung. Seine Frau und seine beiden Töchter sind noch in Saudi-Arabien und er hofft, sie so schnell wie möglich zu sich nach Deutschland holen zu können. Sobald er eine Aufenthaltsgenehmigung hat, will er die deutsche Sprache lernen und am liebsten wieder als Taxifahrer arbeiten. Profunde Deutschkurse bekommen die Flüchtlinge erst nach Erhalt der Aufenthaltsgenehmigung. Die Wartezeit bis dahin muss er in Untätigkeit verbringen, die Langeweile ist ein Problem, denn er hat kein Radio und keinen Fernseher. Aber er ist glücklich, in Deutschland zu sein und hat bisher nur gute Erfahrungen gemacht; alle Leute kommen ihm sehr freundlich entgegen und auch in der Unterkunft fühlt er sich wohl und ist zufrieden.


Majsoub schaltet sich ein und kündigt an, er habe noch ein Radio daheim, das er nicht benützt, das werde er ihm mitbringen. Er organisiert viel für die Bewohner, erst kürzlich hat er einer Familie aus dem Irak einen ausrangierten funktionsfähigen Fernseher gebracht.
Zwischendurch kommen zwei junge Eritreer ins Zimmer, einer von ihnen verblüfft uns mit seinen guten Deutschkenntnissen, der Andere fängt gerade an Deutsch zu lernen und hat Probleme, sich aufs Lernen zu konzentrieren, da er sein Zimmer mit zwei Männern teilt, die oft laute Unterhaltungen führen. Er bittet Roland Saur, ihm behilflich zu sein, in ein anderes Zimmer mit ruhigeren Mitbewohnern wechseln zu können.
Zum Abschied serviert uns Ilias Y.-M. Chai-Tee und Toastbrot und erzählt dabei noch eine kuriose Geschichte: in Saudi-Arabien wurde sein christlicher Nachname nicht geduldet und er musste einen arabischen Namen annehmen. Unter diesem reiste er natürlich auch in Deutschland ein, jedoch fanden die Behörden im Computer anhand seiner Fingerabdrücke seinen ursprünglichen christlichen Namen, was offenbar für Verwirrung sorgt, denn nun bekommt er mal Behördenpost, die an seinen Ursprungsnamen gerichtet ist, mal an seinen arabischen Namen. Er möchte deshalb erreichen, dass sein arabischer Name in der Datei gelöscht wird.


Nach diesem Gespräch machen wir noch einen kurzen Rundgang durch das Erdgeschoss der zweistöckigen Einrichtung. Es gibt zwei Gemeinschaftsküchen auf jedem Stockwerk und für die rund 39 Stockwerksbewohner jeweils 1 Dusche, 2 Toiletten und 3 abgetrennte Zellen mit Waschbecken für Frauen und dasselbe für Männer. Außerdem ist ein Raum mit 3 Waschmaschinen und 3 Wäschetrocknern vorhanden sowie ein Gemeinschaftsraum mit Fernseher, in dem auch Deutschkurse und Gymnastikstunden für Frauen stattfinden. Alles zweckmäßig, aber hell und sauber ausgestattet.


Laut Roland Saur benötigen die Flüchtlinge vor allem beim Thema „Gesundheit“ und bei der Wohnungssuche Hilfe. Nach seiner Aussage sei die Unterstützung der Flüchtlinge ohne die Hilfe der derzeit 30 - 50 aktiven Ehrenamtlichen unmöglich zu leisten. Wir erfahren allerlei Geschichten rund um die Flüchtlingshilfe, so z.B., dass die Stadt Stuttgart zwei ältere Ehepaare aus verschiedenen Kulturkreisen, eins davon Muslime, gemeinsam in einer Wohnung unterbringen wollte, was für die muslimische Frau bedeutet hätte, dass sie selbst in ihrer Wohnung ihr Kopftuch nicht mehr hätte abnehmen können, da ja ein fremder Mann ebenfalls dort gewohnt hätte. Diese Situation habe aber glücklicherweise abgewendet werden können.


Aus haftungsrechtlichen Gründen weigert sich die Stadt, in der Unterkunft W-Lan zur Verfügung zu stellen. Da der Kontakt zu Familie und Freunden in der Heimat für alle Flüchtlinge außerordentlich wichtig ist, plant man die Einrichtung von Freifunk, wofür allerdings Kosten von ca. 1.200 EUR anfallen.
Daher ist der Freundeskreis Flüchtlinge Feuerbach für Geldspenden dankbar. Sie können auf das Spendenkonto der Ev.Kirchengemeinde Feuerbach IBAN: DE09 5206 0410 0100 4014 39, BIC: GENODEF1EK1 unter dem Kennwort „Flüchtlinge in Feuerbach“ (wichtig!) eingezahlt werden.
Außerdem ist natürlich Jeder, der ehrenamtlich mithelfen möchte, sehr willkommen. Es gibt verschiedene Arbeitsgruppen, die man auf der Website des Freundeskreises findet und in die man sich jederzeit gern einbringen kann.
Unser Besuch hat uns völlig neue Einblicke in das Leben der Flüchtlinge, die in unserem Land Zuflucht suchen, beschert, in die Probleme und Hoffnungen, die jeder Einzelne von ihnen hat und in die große Aufgabe, die unsere Gesellschaft zu leisten hat, um diese Menschen gut zu integrieren und ihnen den Weg zur Teilhabe an unserer Gesellschaft zu ermöglichen.
Wir werden wiederkommen, um noch mehr über diese Menschen und ihre Lebensgeschichten zu erfahren. Denn fremd ist nur das Unbekannte.