"Entrüstet euch"!
© Roland Hägele
Ein starkes Team: Käßmann u. Wecker
Stuttgart, 7.Juni 2015, L.K. Die Martinskirche in Stuttgart-Möhringen erlebte gestern Abend einen Besucheransturm, wie es ihn bisher dort noch nicht gegeben hatte. Die 1000 Plätze in der Kirche waren bis auf den Letzten besetzt und noch mehr Menschen hatten sich rund um die Kirche versammelt, um die Konzertlesung von Margot Käßmann und Konstantin Wecker zumindest zu hören, denn die Veranstaltung wurde über Lautsprecher nach draußen übertragen. Nach Veranstalterangaben waren es ca. 3000 Besucher.


Da die Kirchentagsleitung die Veranstaltung als „politisch zu einseitig“ abgelehnt hatte, standen die Organisatoren, die Gesellschaft Kultur des Friedens, vor dem Problem, eine Örtlichkeit zu finden, die genug Platz für den erwarteten Besucherandrang bietet. Pfarrer Lieb öffnete ihnen seine Kirche, viele ehrenamtliche Helfer trugen dazu bei, dass nicht nur der Ablauf der Veranstaltung reibungslos funktionierte, sondern auch leckerer Imbiss und Getränke ausgegeben wurden.


Die Konzertlesung begann um 20 Uhr, aber schon vor 19 Uhr hatte sich eine lange Schlange von Besuchern vor dem Kirchenportal gebildet, die den ersten gemeinsamen Auftritt der früheren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Landeskirche in Deutschland (EKD) Margot Käßmann und des friedenspolitisch motivierten Liedermachers Konstantin Wecker miterleben wollten. Sie haben im April das gemeinsame Buch „Entrüstet euch!“ herausgebracht, das sich in dieser Zeit der militärischen Auseinandersetzungen und des ständigen Säbelrasselns eindeutig für Pazifismus und friedliche Konfliktlösungen ausspricht.


Die beiden prominenten Akteure, die für ihren Auftritt übrigens keine Gage bekamen, wurden mit lautem Applaus begrüßt. Henning Zierock, Vorsitzender der Gesellschaft Kultur des Friedens, überbrachte in seiner Begrüssungsrede einen Gruss von Elisabeth Hartnagel (95), die letzte Überlebende der Geschwister Scholl, und erinnerte an das 3.Flugblatt der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“: „Verbergt eure Feigheit nicht unter dem Mantel der Klugheit“. Er sprach sich für ein Menschenrecht auf Frieden aus - eine Forderung, die mit 10.000 Unterschriften anlässlich des Kirchentags in Stuttgart dem ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan übergeben wurde.


Die Veranstaltung wurde mit wechselnden Beiträgen von Margot Käßmann und Konstantin Wecker gestaltet, die sich in der Überzeugung, die Menschheit sei zu Pazifismus und friedlichen Lösungen in der Lage, wenn sie sich wirklich darum bemüht, einig sind. So plädierte Frau Käßmann für eine „Empörung der Herzen“, für Leidenschaft, Mitschmerz, da die Kriegsgreuel über die Grenzen der Ertragensfähigkeit hinausgehen. „Krieg ist Ergebnis menschlichen Irrwahns, keine Naturkatastrophe!“ Für die Friedensbewegung wünscht sie sich Ausdauer.


Wecker zeigte sich etwas irritiert, dass auf dem Kirchentag zwar ein Militärbischof mitsamt einer Militärkapelle eingeladen war, das Team Wecker/Käßmann aber offenbar zu politisch ist. Und Margot Käßmann betonte: „die Kirche hat oft Kriege verherrlicht oder legitimiert, damit ist sie in die Irre gegangen. Krieg ist niemals ultima ratio, da ratio „Vernunft“ heißt. Krieg ist das Ende aller Vernunft und aller Politik.“
Nach ihrer Beobachtung lässt sich die Menschheit „in die Verantwortungslosigkeit hineinschläfern“, und das so umfänglich, dass sie am Ende die Täter sogar noch bewundert.


Zwischendurch verlagerten Wecker und Käßmann ihren Auftritt zeitweise vor die Kirche, so dass auch diejenigen, die drinnen keinen Platz ergattert hatten, einen optischen Eindruck bekamen, und wurden von Standing Ovations empfangen. Die Idee einer friedlichen Weltpolitik begeisterte die Menschen, an diesem Abend wurde der Pazifismus gefeiert. Die Hoffnung liegt darauf, dass sich viele Menschen überall auf der Welt für den Frieden und gewaltfreie Konfliktlösungen aussprechen.