Aktionstag für den Frieden
© Roland Hägele
„Von Stuttgart muss Frieden ausgehen“
Stuttgart, 7.Juni 2015, L.K. Unter diesem Motto fanden gestern bei hochsommerlichen Temperaturen parallel zum Kirchentag in Stuttgart mehrere Veranstaltungen für den Frieden statt, die die Gesellschaft Kultur des Friedens organisiert hatte. Die Evangelische Landeskirche wollte diese Veranstaltungen nicht unterstützen, da sie „zu politisch“ seien. Dennoch nahmen sehr viele Menschen daran teil, darunter auch viele Kirchentags-Besucher, die an ihren Schals gut in der Menge zu erkennen waren.


Um 11.15 Uhr begann sich eine „Menschenkette für den Frieden“ zu formieren, die von der Friedenskirche in der Nähe des Neckartors bis zum Mahnmal gegen Krieg und Faschismus auf dem Stauffenbergplatz reichte und sich um 12 Uhr schloss.
Nach einer Auftaktkundgebung um 16 Uhr am Mahnmal ging es mit der U-Bahn nach Stuttgart-Möhringen zur US-Kommandozentrale AFRICOM, den Stuttgartern besser bekannt als Kelley Barracks. Henning Zierock, Vorsitzender der Gesellschaft Kultur des Friedens, prangerte in seiner Begrüßungsrede an, dass vom AFRICOM der „Tod auf Bestellung“ ausgehe und forderte, dass sowohl das AFRICOM als auch das in Stuttgart-Vaihingen befindliche EUCOM (ebenfalls eine US-Kommandozentrale) geschlossen werden sollen und an deren Stelle ein Zentrum für zivile Konfliktforschung, das dem Frieden dient, entstehen soll. Eine Willkommenskultur für Flüchtlinge reiche nicht aus, wir brauchen vielmehr eine Kultur des Friedens. Diese Forderung wurde auch in einem Offenen Brief an Bundeskanzlerin Merkel, den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kretschmann und den Stuttgarter OB Kuhn mit tausenden Unterschriften gerichtet.


Franz Alt, Journalist, Buchautor und Kämpfer für den Frieden, hielt eine eindringliche Rede, in der er anfangs auch auf die Stuttgarter Widerstandskultur einging, die sich gegen das Großprojekt S21 entwickelt hat. „274 Mal haben tausende Menschen nun schon gegen das „S21-Idiotenprojekt“ demonstriert und werden weiter dagegen demonstrieren, das ist vorbildlich.“ Er thematisierte den Umstand, dass die Kriege, die derzeit geführt werden, Kriege um Öl sind. Nach seiner Kenntnis komme das meiste Geld, mit dem weltweiter Terrorismus unterstützt wird, aus Saudi-Arabien; da die Saudis aber Öl haben, würden sie von den USA und anderen nicht bekämpft. Anstatt sich jedoch auf Ressourcen wie Kohle, Gas und Öl zu verlassen, die alle unökologisch sind, solle man endlich auf Solarenergie und andere erneuerbare Energien umschwenken. Der Klimawandel ist nach seiner Auffassung vom Menschen selbst verursacht und sei damit ein Krieg des Menschen gegen sich selbst. Kohle, Öl, und Gas würden rücksichtslos ausgebeutet, und wir hinterlassen unseren Kindern verbrannte Erde. Deshalb sei die Energiewende unabdingbar, wenn wir der Menschheit ein langfristiges Überleben auf der Erde sichern wollen. Derzeit müsse man die Menschheit nicht Homo sapiens, sondern treffender Homo Dummkopf nennen. Die Sonne liefere 15.000 mal mehr Energie, als die Menschheit braucht.


Er wies darauf hin, dass zur Zeit durch den Klimawandel täglich 150 Tier- u.Pflanzenarten ausgerottet werden, neue Wüstenflächen produziert werden und fruchtbarer Boden verloren geht, während weiterhin täglich 150 Mio. Tonnen Treibhausgase produziert werden. Nicht nur Bürgerkriege seien der Grund für die Flüchtlingsströme, die aus afrikanischen Ländern nach Europa kommen, vielmehr seien darunter auch viele Klimaflüchtlinge, die aus nicht mehr bewirtschaftbaren Regionen fliehen müssen.
Er befürchtet, dass künftige Kriege um Wasser geführt werden, da Wassermangel aufgrund des Klimawandels zu einem immer drängenderen Problem wird. So gebe es in China Überlegungen, Teile des Himalaya mit 250 Atombomben wegzusprengen, um den Verlauf großer Flüsse zu ändern und so die Wasserversorgung Pekings sicherzustellen.
Seine Rede schloss er mit der Feststellung, Krieg ist kein Naturgesetz, sonder immer menschliches Versagen.


Danach trat der Liedermacher und Friedensaktivist Konstantin Wecker auf, der kürzlich seinen 68. Geburtstag feierte und nun „ein echter 68er“ ist. Die Familie Wecker teile sich inzwischen zu Demonstrationen auf, verkündete er, sein 15jähriger Sohne demonstriere zur Stunde gerade in Elmau gegen die Politik der G7. Wecker bezog sich auf den Spruch von Martin Luther King: „I have a dream“ und sprach darüber, dass er diesen Traum von einer friedlichen Welt teilt und sich dafür engagiert. Mit seinen politischen Liedern trägt er diese Botschaft in die Gesellschaft.
Heike Hänsel, entwicklungspolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im Bundestag berichtete über ihre Erfahrungen in der parlamentarischen Arbeit. Sie beklagte, dass Die Linke auf Ihre Anfragen im Bundestag zu den völkerrechtswidrigen Aktivitäten der USA in den US-Kommandozentralen AFRICOM, EUCOM und Ramstein von der Bundesregierung offen angelogen werde. So äußerte die Regierung, sie habe keine eigenen Hinweise auf Drohneneinsätze, die von Deutschland aus gelenkt würden, und vertraue dem amerikanischen Partner voll, weshalb es zu diesem Thema auch keinen Handlungsbedarf gebe. Und dies, obwohl öffentlich bekannt wurde, dass die Bundesregierung sehr wohl über die kriegerischen Aktivitäten in den Kommandozentralen informiert war. Im AFRICOM würden die Ziele für Drohneneinsätze ausgearbeitet und über den Standort Ramstein in die USA weitergeleitet, wo sie dann abgesegnet und von Stuttgart aus gesteuert werden.


Der Refugee und Friedensaktivist Rex Osa, der sich nach seiner eigenen Flucht seit Jahren für Frieden einsetzt, bestätigte: „Wir sind die Opfer dieser Schweinerei!“ Er sei glücklich und dankbar für die gute Aufnahme, die er in Deutschland gefunden hat, auch könne er bestätigen, dass Stuttgart eine Stadt mit Willkommenskultur sei, jedoch befremde ihn, dass der Stuttgarter OB sich beim US-Befehlshaber für die gute Partnerschaft bedankt habe, da eine der Ursachen für die Flüchtlingsströme direkt aus Stuttgart komme. Er kündigte weitere Proteste gegen die Waffenindustrie und gegen das AFRICOM an, im August werde es dazu ein 5-Tage-Camp geben, das genaue Datum steht jedoch noch nicht fest.


Zum Abschluss der Kundgebung trat die Gruppe „Lebenslaute“ auf, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, ihre Musik an Orten zum Klingen zu bringen, wo sie nicht erwartet wird - zum Beispiel vor dem AFRICOM, auf Abschiebeflughäfen, vor Atomanlagen und anderen menschenbedrohenden Orten.
Unter Musikbegleitung der „Lokomotive Stuttgart“, die aus dem Widerstand gegen S21 heraus entstanden ist und mittlerweile über ein beträchtliches Repertoire verfügt, setzte sich der Demonstrationszug zur Möhringer Martinskirche in Bewegung. Dort fand eine Konzertlesung mit Konstantin Wecker und Margot Käßmann statt, über die wir gesondert berichten.