Völkermord an Armeniern
Demo zum 100. Jahrestag
Stuttgart, 24.4.2015, L.K. Heute jährt sich der Beginn des Völkermords an Armeniern, der am 24.4.1915 seinen Anfang nahm, bis 1922 andauerte und nach armenischen Angaben mindestens 1,5 Millionen Armenier das Leben kostete, zum 100. Mal. Diesen Anlass griff die „Konföderation der Arbeiter aus der Türkei in Europa“ auf, um im Rahmen einer Demonstration in der Stuttgarter Innenstadt erneut auf dieses Thema aufmerksam zu machen und ihre Wut darüber zum Ausdruck zu bringen.
Das strittige Thema, ob es sich bei diesem Massaker an einer Volksgruppe um einen Völkermord gehandelt hat oder nicht, flammte in der Vergangenheit immer wieder auf. Die derzeitige türkische Regierung wehrt sich vehement gegen die Bezeichnung „Völkermord“, in türkischen Geschichtsbüchern wird Medienberichten zufolge konsequent die Darstellung wiedergegeben, es habe sich um ein Geschehen gehandelt, das sich in schwierigen Kriegszeiten abspielte, die damalige Regierung des Osmanischen Reichs habe quasi in Notwehr und aus Selbsterhaltungstrieb diese Morde durchführen lassen.


Dagegen sprach Bundespräsident Joachim Gauck heute klar von einem „Völkermord“ und wies dabei auch auf eine deutsche Beteiligung daran hin, da das Deutsche Reich nicht nur von den geplanten, systematischen Mordaktionen seines Verbündeten im Ersten Weltkrieg wusste, sondern deutsche Militärs auch an der Planung und zum Teil an der Durchführung der Deportationen beteiligt waren.
Abgeordnete der Fraktion DIE LINKE im Deutschen Bundestag hatten am 18.3.2015 einen Antrag eingebracht, der u.a. verlangt, der Deutsche Bundestag solle die von der jungtürkischen Regierung des Osmanischen Reichs systematisch geplante und organisierte Vernichtung der armenischen Bevölkerung als Völkermord nach der UN-Konvention über die Bestrafung und Verhütung des Völkermords von 1948 bewerten und zur Versöhnung zwischen Türken und Armeniern beitragen.


In der Begründung zu diesem Antrag wird ausgeführt, dass am 24.April 1915 auf Befehl der damals alleinherrschenden Regierung des „Komitees für Einheit und Fortschritt“ die armenische politische und kulturelle Elite Istanbuls verhaftet, verschleppt und zum großen Teil ermordet wurde. Dies war der Auftakt zu einer staatlich geplanten und organisierten Massenvernichtung der armenischen Bevölkerung und anderer Bevölkerungsgruppen wie der aramäisch-assyrischen und chaldäischen Christen. Armenische Soldaten, diein der osmanischen Armee dienten, wurden bei Kriegseintritt des Osmanischen Reichs auf Seiten der Mittelmächte (Deutschland, Österreich-Ungarn) in Arbeitsbataillonen zusammengefasst und wie die übrige männliche armenische Bevölkerung im wehrfähigen Alter mehrheitlich ermordet. Armenische Frauen, Kinder und Alte wurden ab Frühjahr 1915 aus Anatolien deportiert und auf Todesmärsche durch die syrische Wüste geschickt. Die Flüchtlingstrecks wurden häufig von vorab informierten Banden überfallen, ausgeplündert und ermordet - unter Beteiligung der sie begleitenden

Wachmannschaften. Kinder wurden dabei oft entführt und versklavt. Diejenigen, die die Verbannungsorte in der syrischen Wüste überhaupt erreichten, fanden dort keinerlei Vorkehrungen für ihre Ansiedlung vor, sie wurden entkräftet und krank in primitiven Zeltlagern ohne ausreichende Nahrung und sauberes Trinkwasser sich selbst überlassen. In der Schlussphase des Völkermords wurden sie von Spezialeinheiten, die eigens dafür aufgestellt wurden, in systematischen Massentötungen ermordet. Die Gebiete, aus denen sie vertrieben worden waren, wurden mit bis dahin nomadisch lebenden Kurden und muslimischen Flüchtlingen der Balkankriege besiedelt, die zahlreich ins Osmanische Reich strömten.
Das Deutsche Reich war in diese Verbrechen als militärische Schutzmacht und Hauptverbündeter des Osmanischen Reichs tief involviert und beteiligte sich teilweise durch logistische und militärische Hilfe daran. Auch wirtschaftlich zogen deutsche Unternehmen Gewinn daraus, wie z.B. die Philipp Holzmann AG, die beim Bau der Bagdad-Bahn zehntausende armenische Zwangsarbeiter einsetzte, die sich sich kostenlos von der osmanischen Armee „ausliehen“ und anschließend in den sicheren Tod schickten. Die Deutsche Bank AG und die Victoria Versicherungs-AG profitierten von den Vermögenseinlagen und Versicherungspolicen der armenischen Bevölkerung. Die damalige deutsche Regierung gewährte nach Kriegsende trotz mehrmaliger Auslieferungsersuchen der Türkei führenden Verantwortlichen des Völkermords politisches Asyl und Schutz vor internationaler Strafverfolgung.


Auch Papst Franziskus bezeichnet die Deportation und Ermordung der Armenier im Osmanischen Reich als den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Dennoch vermeidet es die Koalition in Berlin nach wie vor, den Begriff „Völkermord“ deutlich zu benennen, sondern formuliert: „Das Schicksal der Armenier steht beispielhaft für Völkermorde“.