Zuhause auf Zeit
Stuttgarter Vesperkirche eröffnet
Stuttgart, 18.1.2015, L.K. Mit einer Predigt von Kirchentags-Generalsekretärin Dr.Ellen Ueberschär aus Fulda und Chorgesang der Stuttgarter Hymnus-Chorknaben öffnete heute um 10 Uhr die diesjährige Vesperkirche der Leonhardskirche in Stuttgart für die nächsten 7 Wochen Ihre Pforten. Bis zum 7. März wird sie täglich von 9.00-16.15 Uhr den Armen und Einsamen, Obdachlosen, Drogenabhängigen und Prostituierten als Zuhause auf Zeit offen stehen und ihnen ein umfangreiches Angebot zur Verfügung stellen. Viele der Kirchenbänke wurden ausgebaut und machen Tischen und Stühlen Platz, an denen die Mahlzeiten eingenommen werden können.
Morgens gibt es Kaffee und Tee, mit denen sich u.a. Menschen, die die Nacht im Freien verbracht haben, aufwärmen können, außerdem werden Decken verteilt und auf den Kirchenbänken kann man sich zum Schlafen hinlegen. Ab 11.30 Uhr gibt es ein warmes Mittagessen, wer den eher symbolischen Preis von 1,20 EUR nicht aufbringen kann, bekommt trotzdem eine Mahlzeit. Nachmittags werden kostenlose Vesperbeutel verteilt und nach einer abschließenden Andacht endet die Vesperkirche um 16.15 Uhr.


Die rund 620 Mittagessen, die hier jeden Tag über den Tresen gehen, werden in der Großküche in der Büchsenstrasse gekocht, ein Lieferwagen fährt ungefähr 20 Mal täglich zwischen Küche und Leonhardskirche hin und her, liefert Essen, heiße Getränke und Geschirr an und bringt leere Töpfe und gebrauchtes Geschirr zurück.
Zur Feier der Eröffnung gab es heute ein besonders leckeres Essen: Schweinebraten, Nudeln und Salat, das sich zahlreiche Besucher schmecken liessen.


Aber nicht nur für Essen und Trinken ist gesorgt (Getränke gibt es immer gratis), auch eine ärztliche und zahnärztliche Versorgung wird angeboten, dazu wird die Sakristei zur Arztpraxis umfunktioniert. DiakonInnen stehen für Gespräche und Beratungen bereit, es gibt eine Fahrradwerkstatt, eine Schreibwerkstatt und ein Kunstatelier, und auch an die Tiere wurde gedacht: Zwei Tierärztinnen kümmern sich um kranke Vierbeiner der Besucher. Erstmals in diesem Jahr gibt es eine Gruppe, die sich auf den bevorstehenden Kirchentag vorbereitet. Seit 10 Jahren wird auch ein Kulturprogramm von hoher Qualität angeboten, das von Ralf Püpcke organisiert wird. Es wird dadurch ermöglicht, dass die KünstlerInnen auf eine Gage verzichten. Der Eintritt zu den Konzerten, die immer sonntags um 16 Uhr stattfinden, ist frei, Spenden sind willkommen. Am heutigen Eröffnungstag tritt die Stuttgarter Pop-a-capella-Gruppe FÜENF auf, an den nächsten Sonntagen gefolgt von der Linda Kyei Band (25.1.15), dem TrioConBrio (1.2.15), Foaie Verde (8.2.15), Akademischer Chor und Orchester der Universität Stuttgart (15.2.15), der Vesperkirchenband rahmenlos & frei (22.2.15) und Jazzmadame (1.3.15).
Die Idee einer solchen Vesperkirche hatte im November 1994 der Stuttgarter Diakoniepfarrer Martin Friz, in die Praxis umgesetzt wurde sie bereits im Januar 1995 - am 21.1.1995 wurde sie erstmals eröffnet. Möglich gemacht hatte dies das große Engagement vieler haupt- und ehrenamtlicher Helfer und die großzügigen Spenden der Stuttgarter Privat- und Geschäftsleute.


Eines der Anliegen der Vesperkirche ist neben der Schaffung einer Begegnungsstätte das Sichtbarmachen der Armut, die auch in unserem reichen Land existiert und den Alltag vieler Menschen bestimmt. Wie sie auf ihrer Homepage ausführt, hält sie politische Parolen, dass wir alle den Gürtel enger schnallen müssen, für zynisch und fragt: „Wer muss den Gürtel enger schnallen? Für die Menschen, die sich in der Vesperkirche treffen, ist das letzte Loch in der Gürtelschnalle schon lang erreicht.“ Die Evangelische Landeskirche will Armut und Arbeitslosigkeit und die damit verbundene Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich nicht hinnehmen und forderte ihre Kirchen und Mitglieder schon 1998 dazu auf, Armut nicht als Gott gegeben hinzunehmen. Dies führte innerhalb der Kirche zu vielen neuen Maßnahmen gegen die Armut, wie beispielsweise die Vesperkirchen und die „Schwäbische Tafel“.
Die Leiterin der Stuttgarter Vesperkirche, Diakoniepfarrerin Karin Ott, weist darauf hin, dass in Stuttgart derzeit rund 39.000 Bezieher von Hartz IV leben, darunter 11.000 Kinder, also genau so viele wie vor 10 Jahren. Bei ihnen hinterlassen die Bedingungen von Hartz IV neben den schwierigen finanziellen Verhältnissen Verwundungen in der Seele und viel Bitterkeit. Dieser Menschen will sich die Vesperkirche annehmen und ihnen neben praktischer Hilfe einen Ort anbieten, an dem sie wertgeschätzt werden.
Mittlerweile gibt es in Baden-Württemberg 28 Vesperkirchen und in diesem Jahr zum ersten Mal auch eine in Schweinfurt/Bayern. Über 4000 ehrenamtliche Helfer sind dabei im Einsatz, bei denen sich Landesbischof July und Diakonie-Chef Kaufmann in einem offenen Brief herzlich bedankten.
Im letzten Jahr besuchten rund 800 Menschen täglich die Stuttgarter Vesperkirche, 2015 rechnet man mit einem täglichen Zulauf von 1.000 Menschen. Jährlich müssen an die 260.000 EUR für die Vesperkirche aufgebracht werden, diese Summe kommt allein aus Spenden zusammen. In diesem Zusammenhang weist die Kirche darauf hin, dass keine Spendensammlung auf der Strasse durchgeführt wird. Sollte auf der Strasse dafür gesammelt werden, so handele es sich um Betrug.
Das Spendenkonto der Vesperkirche:
BW Bank Konto: 2 464 833 (BLZ 600 501 01)
IBAN DE05 6005 01010002 4648 33
(BIC SOLADEST)