Auf den Spuren des faschistischen Terrors
Teil III - Der Innere Nordbahnhof
Stuttgart, 16.1.2015, L.K. Die dritte Etappe unseres Spaziergangs führte uns zum Inneren Nordbahnhof, wo es seit dem 14.6.2006 eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die Deportation von rund 2.500 Menschen jüdischen Glaubens und zahlreichen Roma und Sinti gibt. Am Morgen des 1.12.1941 mussten die ersten rund 1.000 Menschen ihren Weg vom Killesberg zum Inneren Nordbahnhof antreten, dabei passierten sie die katholische St.Georgs-Kirche, durchquerten den Pragfriedhof und gingen dann an der evangelischen Martinskirche vorbei, bevor sie in die Zugwaggons verladen wurden. Diese lange Prozession von Menschen kann den Anwohnern kaum entgangen sein, aber erst 50 Jahre später, im Jahr 1991, brachte die Evangelische Kirchengemeinde eine Gedenktafel an der Martinskirche an mit folgendem Wortlaut: „Zur Erinnerung - Zum Gedenken - Zur Mahnung. An dieser Kirche vorbei wurden zahllose, vor allem jüdische Opfer des nationalsozialistischen Unrechtsregimes zu den Bahngleisen des Nordbahnhofs geführt und in Elend und Tod geschickt. Unter den Augen der evangelischen Martinsgemeinde wurden sie deportiert. 1941-1945 / 1991“.


Von diesem ersten Transport waren noch über 65Jährige, Juden mit ausländischer Staatsangehörigkeit und in deutsch-jüdischen Mischehen Lebende ausgenommen. Er erreichte Riga am 4.12.1941. Dort waren bereits lettische Juden von den deutschen Besatzern und lettischen Kollaborateuren in Lager verschleppt und ermordet worden. Die frei gewordenen Plätze wurden nun mit den Deportierten aus dem Westen gefüllt und am 26.3.1942 erschossen SS- und Polizeiverbände im Hochwald Bikernieki bei Riga über 1600 „arbeitsunfähige“ Erwachsene und Kinder, darunter auch die meisten der vom Nordbahnhof aus verschleppten Menschen.


Schon bei der nächsten Deportation am 26.4.1942, die diesmal nach Izbica erfolgte, waren nur noch Schwerkranke ausgenommen, und am 13.7.42 wurden vorwiegend Schwerkranke und Pflegebedürftige nach Auschwitz gebracht und dort ermordet. Am 22.8.42 scheute das Terrorregime dann nicht davor zurück, hauptsächlich Alte, Kriegsgeschädigte und sogar ehemalige jüdische Frontsoldaten, die im Ersten Weltkrieg eine Auszeichnung erhalten hatten, in Viehwaggons ins für seine verheerenden Zustände berüchtigte Theresienstadt zu bringen, wo die meisten Älteren an Unterernährung und Krankheiten starben, während die Überlebenden weiter nach Auschwitz transportiert und dort ermordet wurden.


Am 1.3.43, 17.4.43, 17.6.43, 24.9.43 und 11.1.44 gingen weitere Transporte vom Nordbahnhof nach Auschwitz und Theresienstadt. Die Züge rollten durch große Städte, doch schienen sich die Menschen in den Bahnhöfen nicht am Anblick der Todeszüge zu stören. Der Verein „Zug der Erinnerung“, der zum Zweck der „Pflege der Erinnerung an mehrere hunderttausend Kinder aus Deutschland und dem übrigen Europa, die von den deutschen Besatzungsbehörden verschleppt und auf dem Schienenweg in die Konzentrations- und Vernichtungslager des NS-Regimes geschleust wurden, weil sie Juden waren oder anderen verfolgten Bevölkerungsteilen angehörten“ gegründet wurde, stieß auf Fotodokumente aus mehreren Städten, die belegen, dass die Deportationen oft tagsüber und auf Nachbargleisen des alltäglichen Zugverkehrs stattfanden - im Ruhrgebiet wurden sogar Waggons mit deportierten Menschen an Reisezüge gekoppelt, um sie an den entsprechenden Knotenpunkten mit anderen Deportierten zusammenzuführen. Dennoch gibt es nur wenig Bahnhöfe, an denen eine Gedenkstätte an diese unzähligen Verschleppten und Ermordeten existiert.


Das „Zeichen der Erinnerung“ in Stuttgart geht zurück auf die Initiative der Stiftung Geißstraße Sieben, die die Gründung des Vereins „Zeichen der Erinnerung e.V.“ initiierte, nachdem das Gelände der ehemaligen Verladestation im Zuge von Stuttgart 21 überbaut werden sollte. Im Rahmen einer Flatterbandaktion wurde das Gelände symbolisch abgesperrt und die Stadt Stuttgart stellte es schließlich dem Verein zur Verfügung, außerdem eine Summe von 250.000 EUR, unter der Voraussetzung, dass der Verein die gleiche Summe an Spendengeldern aufbringt. Unter Vorsitz des Architekten Roland Ostertag kam dieses Geld schnell zusammen und die Gedenkstätte wurde nach dem Entwurf des Ehepaars Anne-Christin und Ole Saß aus Berlin errichtet.


Ein Betonweg führt um die Gleisanlage, eine 70 m lange Betonmauer grenzt den Ort von der Straße ab. An der Mauer sind die Namen von über 2000 Menschen angebracht, die aus Stuttgart deportiert wurden und dies bis auf wenige Ausnahmen nicht überlebten. Das Stuttgarter Bürgerprojekt „Die AnStifter“ unterstützte die Errichtung der Gedenkstätte, und es war auch eine „AnStifterin“ - Beate Müller -, die in über 2jähriger Arbeit die Namen der Opfer zusammentrug. Das Projekt „Zeichen der Erinnerung“ wurde am 14.6.2006 der Öffentlichkeit übergeben und der Mitinitiator Prof. Ostertag äußerte dazu: „Wir müssen uns fragen lassen, warum wir mehr als 64 Jahre brauchten, um uns hier der Vergangenheit zu stellen.“