Auf den Spuren des faschistischen Terrors
Teil II - Der Killesberg
Stuttgart, 18.11.2014, L.K. Unser antifaschistischer Spaziergang führte uns dann zum Killesberg. Ein Gedenkstein am Wegrand erinnert daran, dass dort von 1941-1942 ein Sammellager für württembergische Juden eingerichtet war, die dann vom Nordbahnhof aus in Konzentrationslager vorwiegend nach Theresienstadt und Auschwitz „verschubt“ wurden, wo die Meisten von ihnen ermordet wurden. Von den 1000 Juden, die mit der ersten Deportation verschleppt wurden, überlebten nur 28 das Grauen.
Der Killesberg war ursprünglich ein wüstes Gebiet dreier stillgelegter Steinbrüche, in denen der Schilfsandstein abgebaut und für den Hausbau verwendet wurde. 1937 begannen die Planungen, das Gelände für die Reichsgartenschau im Jahr 1939 zu erschließen, wobei aufgrund der vorhandenen großen Höhenunterschiede immense Erdbewegungen erforderlich waren. Hierzu wurden zahlreiche Arbeitskräfte herangezogen, die mit teils sehr einfachem Gerät ausgestattet waren. Die Entrümpelung des Geländes wurde vom Reichsarbeitsdienst (RAD) übernommen, der sich neben eigens dafür abkommandierten Soldaten auch zwangsverpflichteter jüdischer Bürger als Arbeiter bediente.
In seiner Eröffnungsrede der Reichsgartenschau am 22.4.1939 äußerte sich der Gauleiter der NSDAP in Württemberg-Hohenzollern wie folgt: „Dies ist der Beweis für die friedliche Nutzung unserer Energien und unserer Wirtschaftsanstrengungen während einer vom Ausland künstlich aufgeblähten Kriegspsychose.“ Die Reichsgartenschau verbuchte in vier Monaten 4,5 Millionen Besucher und übertraf damit alle Erwartungen, sie war ein fulminanter Erfolg und brachte einen enormen Imagegewinn für Stuttgart mit sich. Aufgrund des Kriegsbeginns am 1.9.1939 musste sie jedoch vorzeitig am 2.9.1939 beendet werden, anstatt wie geplant bis Ende Oktober geöffnet zu bleiben.
Ganz im pompösen nationalsozialistischen Stil war gleich hinter dem Eingang die „Ehrenhalle des Reichsnährstandes“ entstanden, deren Monumentalität in einem Reichsadler an der Wand gipfelte, der einen Durchmesser von 6,5 Metern hatte und auf einem Sockel mit der Aufschrift „Blut und Boden“ stand, den auch ein mit Ehrenlaub und Schwert geschmücktes Hakenkreuz zierte.
Zwei Jahre später wurde das Gartenschaugelände und die „Ehrenhalle“ erneut genutzt, diesmal als Sammellager, in dem die aus Württemberg und Hohenzollern eintreffenden Juden zusammengefasst und von hier aus deportiert wurden. Diese Verschleppung der Juden wurde zur „Geheimen Reichssache“ erklärt und in einer gigantischen Polizeiaktion durchgeführt. Hierfür war in Württemberg-Hohenzollern die Geheime Staatspolizei, Staatspolizeileitstelle Stuttgart (ansässig im Hotel Silber in Stuttgart-Mitte) zuständig. In ihrem Erlass vom 18.11.1941 an die Landräte und Polizeidirektoren heißt es: „Im Rahmen der gesamteuropäischen Entjudung gehen z.Z. laufend Eisenbahntransporte mit je 1000 Juden aus dem Altreich (…) nach dem Reichskommissariat Ostland. Württemberg ist daran zunächst mit einem Transport von 1000 Juden beteiligt, der am 1.12.1941 von Stuttgart aus abgeht. (…) Die in Frage kommenden Juden wurden bereits hier zahlenmässig und personell erfasst. (…)“.
Um das Vermögen der betroffenen Menschen beschlagnahmen zu können, wurde die 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz am 25.11.41 beschlossen, die besagte, dass ein Jude die deutsche Staatsbürgerschaft verliert, wenn er seinen Wohnsitz ins Ausland verlegt. Verliert ein Jude die deutsche Staatsangehörigkeit, so verfällt sein Vermögen dem Reich. Die Deportation wurde von den Nazis als Verlegung des Wohnsitzes ins Ausland gewertet, so dass die Vermögen der Opfer an das Deutsche Reich übergingen. Darüber hinaus mussten die deportierten Juden perfiderweise die Kosten ihrer Deportierung, die 67,65 Reichsmark betrugen, selbst bezahlen. Alles war auf Demütigung, Entrechtung und Vernichtung der jüdischen Mitbürger ausgelegt, einen besonderen Sadismus hatte man sich ausgedacht, indem man der Jüdischen Kultusvereinigung Württemberg die Aufgabe übertrug, die Vorbereitung und Zusammenstellung der Transporte zu organisieren. Also informierte diese Vereinigung mit Rundschreiben vom 19.11.1941 alle betroffenen Juden, „dass Sie und Ihre oben bezeichneten Kinder zu einem Evakuierungstransport nach dem Osten eingeteilt worden sind.“
Die ausgewählten Juden wurden aus ganz Württemberg zum Stuttgarter Killesberg verbracht, wo sie sich in der Ehrenhalle versammeln mussten. Sie durften nur wenig Gepäck und keine Wertgegenstände außer ihren Eheringen mitnehmen. Den möglicherweise besorgten Nachbarn der Verschleppten teilte die Gestapo brieflich mit, sie seien „umgezogen“. Die Sammlung und der Abtransport erfolgte in relativ ruhigen und geordneten Bahnen, da die Menschen zwar besorgt und verzweifelt waren, aber keine Ahnung davon hatten, dass sie ihrer Ermordung zugeführt wurden.
Victor Marx aus Tübingen, der im November 1941 mit seiner Frau Marga und seiner achtjährigen Tochter Ruth in Haigerloch wohnte, gehört zu den 28 Überlebenden der ersten 1000 Deportierten. In einem Brief vom 7.12.1964 schrieb er: „Am 19.November 1941 erhielten wir alle die Nachricht von unserer Deportation. Jeder durfte zwei Koffer mit insgesamt hundert Pfund und einen Rucksack wegnehmen. Da wir nach dem Krieg emigrieren wollten, waren wir mit Kleidung und Wäsche reichlich versehen. Selbstverständlich packten wir nun diese Sachen in die Koffer. Bevor wir Haigerloch verließen, mussten wir ein Schriftstück unterschreiben, dass unser Hab und Gut dem Staat verfällt, da wir unliebsame Ausländer seien. Es blieb uns ja gar nichts anderes übrig, als alles zu tun, was die Nationalsozialisten bestimmten. Wir mussten unsere Koffer an einen bestimmten Platz bringen, wo sie von zwei Landjägern auf Waffen untersucht wurden. Dann kamen wir in den Zug, die Wagen wurden verschlossen, jeder Wagen hatte eine Bewachung. So kamen wir nach Stuttgart auf den Killesberg. Dort wurden uns sofort verschiedene Sachen, auch Geld, abgenommen. An Schlafen war nicht zu denken, die ganze Nacht hindurch blieb man wach. Von überall her kamen württembergische Juden in dieses Sammellager und es herrschte ein unbeschreibliches Elend. In der Nacht vom 30.11. zum 1.12.1941 wurden wir dann auf Lastautos zum Nordbahnhof gebracht und in ungeheizte Wagen verladen. Wir hatten keine Ahnung, wohin wir kamen. Die Behandlung war gut. Die Wagen waren verschlossen, und von Zeit zu Zeit durften zwei Personen den Wagen verlassen, um Wasser zu holen. Die Bewacher waren Landjäger. (…) Als die Landjäger uns in Riga ablieferten, waren sie alle erstaunt über den Empfang, der uns von der SS zuteil wurde. Jeder SS-Mann hatte einen Stock in der Hand, so dass wir dachten, es seien Verwundete. Als wir aber geschlagen wurden, spürten wir gleich am eigenen Leib, dass wir es mit kerngesunden Nazis zu tun hatten.“
Ein anwesender Zeitzeuge berichtete während unseres Spaziergangs, dass zur Zeit des Sammellagers vormittags sich die Menschen für ihre Deportation in der Ehrenhalle versammeln mussten, und mittags eröffnete das dort betriebene Restaurant dann seinen öffentlichen Betrieb und unbeschwerte Gäste gingen ein und aus.
Knapp 20 Jahre später gab es auf dem Killesberg 1950 die nächste Gartenschau und 1961 eine Bundesgartenschau, jedoch wurde bei keiner dieser Veranstaltungen das Sammellager offiziell erwähnt. Bereits 1960 war ein Gedenkstein angeregt worden, aber erst am 24.6.1962 wurde eine Stele errichtet mit der Inschrift: „Zum Gedenken an die mehr als 2000 jüdischen Mitbürger, die während der Jahre des Unheils 1941 und 1942 von hier aus ihren Leidensweg in die Konzentrationslager und in den Tod antraten“.
Im April 2013 wurde die auf Betreiben der Intitiative Gedenkstätte Killesberg umgestaltete und erweiterte Gedenkstätte eingeweiht. Es wurden zwei Informationsstelen aufgestellt, eine direkt beim Gedenkstein, die andere am anderen Ende des Parks, und ein Stahlring wurde in den Boden eingelassen, der die Fläche umfasst, die die 2000 Deportierten eingenommen hätten - ein Entwurf der Künstlerin Ülkü Süngün.
Die Vergangenheit wird bei diesem Spaziergang immer lebendiger, die Mordlust des Naziregimes immer deutlicher und die Verzweiflung der Opfer dieses Terrors immer erinner- und spürbarer. Unser Weg führte uns nun zum ehemaligen Nordbahnhof, neben den Wagenhallen gelegen, von wo aus die Menschen in unbeschreibliches Elend und schließlich den Tod transportiert wurden.