Auf den Spuren des faschistischen Terrors
Teil I - Die Synagoge in Bad Cannstatt
Stuttgart, 15.11.2014 L.K. Das Antifaschistische Aktionsbündnis Stuttgart hatte zu einem Spaziergang durch Stuttgart eingeladen, um vier Örtlichkeiten zu besuchen, die eine wichtige Rolle im nationalsozialistischen Terror in Stuttgart spielten. Dieser Einladung folgten ca. 20 Interessierte und erfuhren Hintergründe, die in der langen Zeit, die seit den Tagen des Nazi-Regimes vergangen ist, teils wieder in Vergessenheit zu geraten drohen, großteils aber niemals in der deutschen Öffentlichkeit aufgearbeitet und wahrgenommen wurden. Gerade in unserer heutigen Zeit, in der tausende von Neo-Nazis in Köln von der Polizei weitgehend ungehindert durch die Stadt randalierten, ein Rechtsruck durch Europa geht und nationalsozialistisches Gedankengut sich immer weiter verbreitet, erscheint es überaus wichtig, die vergangenen Auswüchse und Gräueltaten des Nationalsozialismus und das entsetzliche Leiden, das er verursachte, in Erinnerung zu rufen und sich bewusst zu machen, dass das, was bereits einmal geschah, auch wieder geschehen könnte, wenn wir es zulassen. Der heutige Spaziergang brachte den Teilnehmern die Menschenverachtung und den Zynismus nahe, mit dem die Nazis ihr Vernichtungswerk an den Menschen, die sie für vernichtungswürdig hielten, verrichteten.
Die erste Station war die Synagoge in Bad Cannstatt bzw. der Parkplatz an der König-Karl-Straße, der dort jetzt eingerichtet ist. Die Synagoge war im Jahr 1876 eingeweiht worden, sie diente einer blühenden jüdischen Gemeinde als Gebets- und Versammlungsort und war vollständig aus Holz erbaut. Diesen Umstand berücksichtigten die Nazis, als sie in der Nacht zum 9. November 1938 loszogen, um im Rahmen einer konzertierten deutschlandweiten Aktion jüdische Gebets-, Geschäfts- und Wohnhäuser in Brand zu setzen. Den Vorwand für dieses überaus aggressive Vorgehen lieferte ihnen ein Vorfall, bei dem ein polnischer Jude einen deutschen Amtsleiter angeschossen hatte und dieser an den Folgen verstarb. Dieser Vorfall wurde ausgeschlachtet und für die judenfeindliche Propaganda missbraucht, jetzt hatte man einen Grund, die Juden im ganzen Land aufs Aggressivste anzugreifen. Die Nazischergen traten in Zivilkleidung auf, quasi als aufgebrachte Normalbürger getarnt, und hofften (zu Recht) darauf, andere Bürger mit ihrem „Volkszorn“ anzustecken und zur Teilnahme an ihrem schrecklichen Werk zu bewegen. Wohlweislich waren die Brandstifter der Leiter der Brandwache II, 2 Feuerwehrleute und einige Nationalsozialisten. Diese „Fachleute“ verhinderten, dass der Brand auf die umliegenden Häuser übergriff, sie brannten die Synagoge gezielt und fachmännisch gegen 3 Uhr morgens nieder. Wie Zeitzeugen berichteten, wurden in dieser Nacht auch jüdische Geschäfte, so z.B. ein Metzgerladen im alten Stadtkern von Bad Cannstatt angegriffen und demoliert.
Diese Pogromnacht war der schreckliche Höhepunkt einer jahrelang vorausgegangenen Schikane an jüdischen MitbürgerInnen, die 1933 ihren Anfang nahm, als am 1.April SA und SS Flugblätter vor jüdischen Geschäften verteilten, die zu ihrem Boykott aufriefen. Dieser Boykott gipfelte 1935 in der Aufforderung: „Deutscher, kaufe nicht beim Juden!“ In den folgenden Jahren verloren viele Juden ihre Arbeit, wurden gemieden und ausgegrenzt und schließlich ermordet, wenn sie sich nicht im Ausland in Sicherheit bringen konnten. Diejenigen, denen die Flucht ins Ausland gelang, mussten enorme Summen an „Fluchtsteuer“ bezahlen.
Lange erinnerte nur ein Gedenkstein an die frühere Synagoge, im Jahr 2004 beschäftigten sich SchülerInnen des Albertus-Magnus-Gymnasiums im Rahmen eines Schulprojektes „Erinnerung durch Irritation“ mit dem Thema. Sie stellten verfremdete Schilder am Rand des Parkplatzes auf mit der Aufschrift „Politische Führung geändert“, „Anlieger frei bis 9.November 1938“ und „?“. Den Grundriss der einstigen Synagoge markiert eine rote aufgemalte Linie, verkohlte Holzbalken symbolisieren, dass das Holzgebäude bis auf die Grundmauern niedergebrannt wurde, und Gedenktafeln an Juden, die in Stuttgart oder Bad Cannstatt gelebt hatten, erinnern mit kurzen Biografien an diese Menschen. Diese Gedenktafeln sind an einem Häuschen angebracht, das der Eingang zum Tiefbunker „Sonnenhof“ ist, der nach dem Brandanschlag auf die Synagoge dort gebaut wurde und zu dem Juden während des Krieges selbstverständlich keinen Zutritt hatten. Darin zeigt sich erneut der tiefe menschenverachtende Zynismus, den das Nazi-Regime den Menschen, die es für nicht lebenswert erachtete, zuteil werden ließ.
Die nächste Etappe des Spaziergangs führte zum Killesberg, wo ein Sammellager für württembergische Juden eingerichtet wurde. Darüber mehr in Teil II.