Mangelhafte ärztliche Versorgung im Strafvollzug
Justiz: Schwere Körperverletzung durch Unterlassung?

Stuttgart, 6.7.2014, L.K.
Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit (Art.2, Ziff.2, Grundgesetz).
Gefangene haben Anspruch auf Krankenbehandlung, wenn sie notwendig ist, um eine Krankheit zu erkennen, zu heilen, ihre Verschlimmerung zu verhüten oder Krankheitsbeschwerden zu lindern (§ 58 Strafvollzugsgesetz Baden-Württemberg).
Die JVA Heimsheim, die im unten geschilderten Fall eines gesundheitlich schwer geschädigten Strafgefangenen betroffen ist, schreibt auf ihrer Internet-Homepage zum Thema Gesundheitsfürsorge: „Für die Gesundheit der Gefangenen ist der eigens für diese Anstalt zuständige Arzt zuständig, also in der Funktion als Hausarzt. An seiner Seite stehen Krankpfleger (ein sinnfälliger Verschreiber der JVA) und Krankenpflegerhelfer. Es ist ein Praxisbetrieb, bei dem, wie auch in Freiheit, Überweisungen zu Fachärzten außerhalb des Vollzuges erfolgt, wenn dies geboten ist. Soweit möglich kommen Fachärzte in die Anstalt, damit Gefangene nicht aufwendig gefesselt vorgeführt werden müssen.“
Das hört sich vertrauenerweckend an und der Eindruck einer umfassenden ärztlichen Versorgung - eben „wie in Freiheit“ - entsteht beim Lesen dieses Statements. Der gegenständliche Fall des Gefangenen S. zeigt auf, dass diese Versorgung keinesfalls so umfassend und verantwortlich geschieht; auch ist dieser Fall kein Einzelfall, er hatte jedoch tragische Folgen und beeindruckt deshalb besonders nachhaltig. Die Wartezeit auf einen Facharzt beträgt in der JVA Heimsheim oftmals mehrere Wochen, die Überführung in ein externes Krankenhaus oder zu einem externen Arzt wird möglichst vermieden, weil sie personal- und damit auch geldaufwendig ist.
Doch lassen wir den Betroffenen, Herrn S., selbst berichten:

Der Fall S.

Anfang September 2011 trat ich meine Untersuchungshaft in der JVA Ulm/Donau an.
Im Februar 2012 bekam ich starke, ja krampfartige Schmerzen im rechten Bein, wobei die 4.Zehe stark gerötet war. Damit meldete ich ich beim zuständigen JVA-Arzt Herrn Dr.K. .Damals wurde ich gefragt, „mit was ich meine Zehennägel schneide?“. Auf meine Antwort „mit dem Nagelknipser“ erklärte er mir, es könnte sein, dass ich zu tief ins Nagelbett gekommen wäre und mein Zeh deshalb eine Entzündung aufweist. Dafür gab mir der Arzt eine Salbe, die ich mehrmals täglich auf den Zeh auftragen sollte. Doch es wurde immer schlimmer und nach ein paar Wochen fing es an zu eitern. Im März 2012 war ich dann wieder beim Arzt, wobei dieser mit dem Skalpell den Nagel aufschnitt, damit der angestaute Eiter abfliessen konnte. Ich bekam danach „TRAMAL“ gegen die Schmerzen und Jodsalbe zum Auftragen als Desinfektion auf die Wunde. Dann wurde ich wieder auf meine Zelle geschickt. Doch nichts von alledem half wirklich, im Gegenteil, es wurde immer schlimmer. Anfang April 2012 war ich auf Antrag wieder beim Anstaltsarzt, der mich dann in die ambulante Behandlung zur Gefäßchirurgie überwies. Der dortige behandelnde Chirurg stellte eine Gefäßverengung fest und empfahl eine Therapie mit „PROSTAVASIN“, das als Blutverdünnung in die Venen gespritzt werden sollte. Diese Therapie würde Tage, längstens jedoch eine Woche in Anspruch nehmen. Dazu kam es jedoch nicht mehr, da ich bereits am 26.4.12 in die JVA Heimsheim verlegt wurde.
Wenige Tage später war ich hier in Heimsheim beim Arzt, dieser gab mir lediglich Salben, Schmerzmittel und diverse „Opiate“! Nichts davon half mir, im Gegenteil, durch die hiesige Ignoranz des behandelnden Arztes Dr.B. wurde alles noch viel schlimmer. Mitte Mai 2012 wurde ich dann ins JVA-Krankenhaus auf dem Asperg verlegt.
Dort wurde mit der bereits in Ulm vorgeschlagenen PROSTAVASIN-Therapie begonnen, wobei diese zum damaligen Stand des nunmehr verschleppten Krankheitsbildes bereits zu spät kam, da die Venen zu dem betroffenen Zeh schon extrem verkalkt waren! Ich war bis Mitte Juli 2012 auf dem Asperg, dabei wurde von ärztlicher Seite nichts mehr bezüglich meines rechten Beines, meines Zehs behandlungstechnisch getan. Somit wurde ich wieder in die JVA Heimsheim verbracht.
Wieder in HHM habe ich vom diensthabenden Arzt lediglich diverse schmerzlindernde „Hämmer“ bekommen, doch wurde es davon erklärlicherweise nicht besser. Im Gegenteil.
Nun hatte ich aufgrund der unkontrollierten Einnahme der willkürlich verabreichten Schmerzkiller massive Leber- und Nierenschmerzen (Nebenwirkungen). Dies wurde auch auf dem Blutbild deutlich sichtbar, meine Werte gingen ins Bedenkliche! Damals fragte mich der Anstaltsarzt doch allen Ernstes, ob ich ALKOHOL trinken würde. Ob er wirklich in der Realität zuhause war und wusste, dass wir uns in einer JVA befinden? Starke Zweifel überkommen einen dann doch ob dieser seltsamen Fragen.
Nachdem ich ein bis dahin verordnetes Medikament absetzte, zeigte mein nach 4 Wochen erstelltes Blutbild eine deutliche Besserung. Die Entzündung meines Zehs strahlte mittlerweile auf den gesamten rechten Fuß über, bis zum Beginn des Unterschenkels. Folglich wurde ich zwar schmerz-behandelt, nicht aber ursachengemäß und zielorientiert. Diese Tortur musste ich aushalten bis Ende Oktober 2012, zwischenzeitlich machte ich immer wieder den Vorschlag auf eine gefäßchirurgische Behandlung, welche jedoch nur in einer Klinik außerhalb der JVA Heimsheim stattfinden konnte. Dies wurde jedes Mal abgelehnt mit den Worten: „Am Asperg bekommen Sie alles Notwendige“! Folglich ging es dann auch wieder ins JVA-KH Asperg. Von dort wurde ich in die Ludwigsburger gefäßchirurgische Klinik geschickt, wo man erneut feststellte, dass man jetzt nichts mehr für meinen Zeh machen konnte, da nun alles verkalkt sei. Kein Stent, kein Bypass, rein gar nichts mehr! Jetzt helfe nur noch eine Amputation des Zehs, um schlimmeres Entzünden des gesamten rechten Beines zu verhindern. Für vorsorgliche Maßnahmen wie die PROSTAVASIN-Therapie war es zu spät.
Das Ärzteteam: Dr. K., Dr. D., Dr.K. vom JVA-KH Asperg haben festgestellt, dass jetzt nur noch eine Amputation des 4. rechten Zehs durchgeführt werden konnte. Dies geschah im KKH Vaihingen/Enz, Anfang November 2012. Operateur war Dr. D..
Nach der OP war ich wieder im KH Asperg auf der chirurg.Abt., jedoch wurde es nicht besser, sondern sehr viel schlimmer, so dass die Schmerzmittel von Tag zu Tag erhöht werden mussten (Tilidin, Valeron und Tramal) - starke Opiate, die jedoch in keinster Weise halfen! Dies habe ich mitgemacht bis Anfang Januar 2013, dann wurde ich wieder nach Heimsheim verlegt. Meine Schmerzen waren derart stark, dass ich kaum laufen konnte, mittlerweile waren beide Beine so stark angeschwollen und die Zehen 2 u.3 entzündet und offenwundig bis auf die Knochen, dass ich ohne Krücken nicht mehr gehen konnte. Außerdem hatte ich an der rechten Ferse zwei Löcher, offene eiternde Wunden!! Beide Beine waren stark mit Wasseransammlungen angestaut.
Starke Nierenschmerzen und doppelt erhöhte Leberwerte waren die Resultate der diversen Schmerzmittel und der Medikation gegen die Entzündungen. Daraus resultierten massive Schlafstörungen und vor Schmerzen keinen Schlaf findend wälzte ich mich wochenlang nur noch im Bett, so dass ich mehrere Male tagsüber auf einem Stuhl einnickte und herunterfiel. Dies kann durch meinen damaligen Zellenkollegen, Herrn X (Name d.R.b.) bestätigt werden, der meine Tortur in vollem Umfang mit durchleiden musste. Mehrere Male versuchte ich über Anträge, zum Anstaltsarzt zu gelangen, was jedoch nie geschah! Zeugen hierfür sind sämtliche für die Abt. T-O-N zuständigen Stockwerksbeamten. Wenn ich dann eine Chance hatte zum Arzt zu kommen, sprach ich ihn immer wieder darauf an, mich in einer externen Klinik untersuchen zu lassen. Dies wurde von ihm stets blockiert, weitere Medikamente wie Antibiotika und Schmerzmittel wurden mir in die Hand gedrückt und ich wurde wieder in meine Zelle verbracht.
Dies habe ich bis Mitte Februar 2013 mitgemacht, danach drohte ich mit meinem Rechtsanwalt, sprach auch mit dem Anstaltsleiter, Herrn Fluhr, was insoweit half, dass sich danach langsam etwas bewegte in der Sache. Ein Telefonat zwischen H.Fluhr und dem Anstaltsarzt Dr.B., das genau 2 Minuten dauerte, bescherte mir einen Termin im KH Leonberg, wobei mir die dortigen Ärzte erklärten, dass die in Asperg abgelehnte Behandlung zum Reinigen der Venen und Entfernen der Kalkrückstände auch zum jetzigen Zeitpunkt noch durchführbar wäre!!! Dieser Eingriff sollte jedoch so schnell wie möglich erfolgen. Am 7.3.13 wurde dieser Eingriff in einer 3stündigen OP von Herrn Dr.D. zwar schmerzhaft, aber erfolgreich durchgeführt. Schon am 2. Tag konnte ich mein Bett verlassen und ohne Krücken und vor allem schmerzfrei wieder laufen!
Wäre diese Operation rechtzeitig durchgeführt worden, hätte ich heute noch alle meine Zehen am rechten Bein, wären mir monatelange Schmerzen und körperliche Mangelerscheinungen erspart geblieben.

Folgebericht v. 17.Juli 2013
Im August 2013 hatte sich der Zustand meines rechten Fusses wieder verschlechtert, starke Schmerzen, Schwellungen und Verfärbungen des Fusses stellten sich wieder ein, dieselben Symptome wie seinerzeit vor der Zehamputation. Dr. D. vom KH Leonberg sagte mir damals, falls diese Probleme wieder auftreten, sollte ich mich sofort bei ihm melden. Mehrmals schrieb ich daher Anträge zur Vorführung beim zuständigen Anstaltsarzt Dr.B., jedoch wurde ich kein einziges Mal zu ihm gerufen. Dies können sowohl der zuständige Stockwerksbedienstete/ADL sowie die Beamten Herr K. und Herr S. bezeugen. Diese hatten seinerzeit im Wechsel Dienst auf T-O.
Ca. 2 Wochen nach meinem ersten Antrag auf Vorstellung beim Arzt wurde ich dann ins „Revier“ (Krankenabteilung) gerufen! Auf meine Hinweise auf meinen Zustand und die Bitte auf Überstellung ins KKH Leonberg zu Herrn Dr.D. wurde dies seitens Dr.B. dahingehend abgetan, dass dies lediglich eine sekundäre Schwellung wäre und verabreichte mir demzufolge lediglich Schmerzmittel und Antibiotika, dies jedoch ohne vorherige Untersuchung meines rechten Beines sowie meines Allgemeinzustandes! Beides half jedoch nichts. Dann war der Anstaltsarzt in Urlaub und seine Vertretung machte einen Wundabstrich, den sie in ein externes Labor zur Untersuchung sandte (zum ersten Mal wurde überhaupt eine labortechnische Untersuchung durchgeführt). Die Laborwerte bezeugten dann auch, dass die offene Wunde verschiedene Keime und Bakterien aufwies. Dagegen halfen die mir verabreichten Antibiotika bereits nicht mehr, da die Keime sich schon als resistent gegen diese Medikation erwiesen. Als Dr.B. vom Urlaub zurück war, wurden diverse neue Antibiotika an mir ausgetestet, wobei mir keines davon half. Auf meine wiederholten Forderungen und Bitten zur Überstellung ins KKH Leonberg wurde lediglich ausweichend reagiert und weiter „behandelt“, aber ohne jeglichen Erfolg. Erst auf mein Schreiben an die Anstaltsleitung, Herrn Fluhr, vom 20.10.13 bewegte sich etwas. Dr.D. versuchte dann im KKH Leonberg sämtliche Behandlungen wie Venenspülung, Venendehnung sowie medikamentöse Behandlung, um eine Veränderung herbeizuführen. Es war aber zu spät für diese Vorsorgemassnahmen. Es sei eine zeitnahe Amputation erforderlich, welche entweder im KKH Leonberg oder KKH Vaihingen/Enz durchgeführt werden müsste, was jedoch meiner Entscheidung obliegen würde.
Ich entschied mich für das KKH Vaihingen/Enz. Die erste OP erfolgte am 13.11.13, sie beinhaltete zunächst die Amputation meines rechten Vorderfusses, da die Ärzte dachten, damit könne die Gefahr Verschlechterung des Entzündungsverlaufs gestoppt werden. Doch dafür war es leider zu spät und der Krankheitsverlauf verschlechterte sich zunehmend und dermassen, dass am 12.12.2013 eine Amputation meines rechten Unterschenkels zwingend notwendig war.
Seit dieser OP wurde ich im JVA-Krankenhaus Asperg weiterbehandelt bis Mitte Januar 2013 und meine Wunde heilte sehr gut. Derzeit benötige ich noch etwas stärkere Schmerzmittel und Medikation zur Blutverdünnung. Irritierende Phantomschmerzen und die langwierige Gewöhnungsphase an diese neue Lebenssituation bestimmen derzeit meinen Tages- und Nachtablauf. Am 18.2.14 hatte ich einen Termin zur Anpassung einer vorläufigen Beinprothese. Trotz des nun doch noch guten Ausgangs meiner Krankheit, die letzten Endes nicht hätte sein müssen bei sofortiger und sorgfältig kompetenter Behandlung, leide ich massiv an dieser Situation, ich bin psychisch total am Ende. Schlafstörungen und Zukunftsängste bestimmen mein Leben.

(Die im Bericht nur abgekürzt genannten Namen sind der Redaktion bekannt.