Kultur
K21 Gala -Stuttgart steht auf-
Melita Ding-Dong im Theaterhaus

Unter dem Motto „Stuttgart steht auf“ feierten die S21-Gegner sich im Stuttgarter Theaterhaus selbst - sich und ihren erfolgreichen Widerstand, den sie bereits seit über einem Jahr gegen den geplanten Tiefbahnhof auf Stuttgarts Straßen tragen. Ihren Widerstand, der von zahlreichen Künstlern - zB. Musikern, Kabarettisten, Schriftstellern - unterstützt und kreativ belebt wird und inzwischen weltweit Beachtung findet. Bei der Gala am Dienstagabend wurde eine Doppel-CD vorgestellt, die viele Beiträge dieser Künstler enthält. Für Stuttgarter „Berufs-Demonstranten“ ein Highlight, das viele Erinnerungen an Demonstrationen bei bitterer Kälte, sengender Hitze, Besetzung des Nordflügels bei strömendem Regen und vieles mehr weckt. Durch den Abend führten Helga Stöhr-Strauch, Mitglied des Aktions-Bündnisses gegen S21 und als oft und gern gesehene Demo-Moderatorin weithin bekannt, und Micha Friedrich, der der Band „Nu Sports“ angehört, die schon mehrmals bei den Demos ihren musikalischen Beitrag lieferte und dadurch zu einer Art „Haus-Band“ des Widerstands wurde. Ebenfalls eine Haus-Band ist das immer noch wachsende „Parkorchester Compagnia Sackbahnhof“, das das Publikum sowohl im Rahmen der Gala als auch in der Pause vor dem Theaterhaus mit temperamentvollen Protestliedern erfreute. Auch die Trommlergruppe „Lokomotive Stuttgart“, die anfangs aus einem einzigen Trommler bestand, der die ersten Straßenblockaden vor dem Bahnhof mit seinem Trommeln unterstützte, ist inzwischen auf eine gewaltige Größe angeschwollen und sorgte für beste Stimmung. Viele Gäste waren nach dem Schlichterspruch von Dr. Geissler, der am frühen Abend im Rathaus verkündet wurde, in gedämpfter Stimmung im Theaterhaus eingetroffen. Hatte dieser sich doch für den Weiterbau des Tiefbahnhofs ausgesprochen, wenngleich er auch eine lange Mängelliste aufführte und den Fortgang des Projekts an etliche Bedingungen knüpfte. Verbindlich ist dieser Spruch für keine der sich gegenüberstehenden Parteien, und es bleibt abzuwarten, ob die Deutsche Bahn AG sich an die getroffenen Vereinbarungen und Zusagen halten wird. Im Laufe des Abends hob sich die Stimmung jedoch merklich und das Gefühl des Zusammenhalts stand deutlich im Raum. Ob man nun bei „Melitta Dingdong“ oder „Nils Heinrich“ den Refrain lauthals mitsang, oder sich über Tobias Borkes free-style-rap oder Christine Prayons scharfe Zunge amüsierte, ob man beim Song „For the trains“ - vom Stuttgarter Musiker Putte sehr gefühlvoll und schön gesungen - melancholisch wurde - es war für jeden etwas dabei. Die Krimi-Autoren Wolfgang Schorlau und Heinrich Steinfest begeisterten den Saal mit bissigen literarischen Beiträgen, die Show von David „Allez“ Hopp löste bei einigen Zuschauern Lachtränen aus. Der Gewinner des Song-Contests der Parkschützer, Freimut Feliciano, legte eine beachtliche Vorführung hin und Borna schmetterte seine Widerstands-Hymne „Oben bleiben“, die wohl jeder Projektgegner inzwischen kennt. Timo Brunke steuerte sein Lied „Freunde schöner Kopfbahnhöfe“ bei, das viele Anwesende trotz mehrerer Strophen textsicher mitsangen. Besondere Anerkennung und großer Applaus wurde Rainer Benz zuteil, der seit Beginn der Demonstrationen im Hintergrund ganz maßgeblich für deren Programmgestaltung sorgt und gemeinsam mit Helga Stöhr-Strauch die Organisation managt und für den reibungslosen Ablauf der Veranstaltungen sorgt. Die Widerstandsbewegung gegen S21 prägt inzwischen die Kultur in Stuttgart spürbar mit, das hat dieser Abend im Theaterhaus zum wiederholten Mal deutlich gemacht. Der Musiker Putte sagte: „Das letzte Jahr war das schönste, aufregendste, eindrucksvollste und anstrengendste Jahr meines Lebens“. Damit spricht er womöglich vielen Menschen aus der Seele, die sich im Laufe des vergangenen Jahres der Protestbewegung angeschlossen haben.

Liane Krusche-Schnelle