Zum 90. Geburtstag von Ewald Conzmann
Wer den roten Ewald nicht kennt,
wohnt nicht in Ostheim
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Ewald Conzmann
Es gibt nur noch wenig Kämpfer aus der Arbeiterbewegung, die im 1. Weltkrieg oder kurz danach geboren wurden und denen der Faschismus und der Zweite Weltkrieg die Jugend geklaut hat. Ewald Conzmann ist einer davon.

Ewald Conzmannn wurde am 12.Mai 1920 als Sohn einer Stuttgarter Arbeiterfamilie geboren. Mit 8 Jahren trat er in den Kommunistischen Jugendverband KJVD ein. Mit 18 Jahren wurde er von den Nazis verhaftet und acht Tage im Hotel Silber inhaftiert. 1940 wurde er in den Krieg eingezogen. Im Russlandfeldzug musste er an die vorderste Front und wurde zweimal verwundet.

Nachdem er im Mai 1945 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, beteiligte er sich sofort am Wiederaufbau der zerstörten Stadt und am Wiederaufbau der Arbeiterbewegung.

Ewald Conzmann gehörte zu der Generation von Kommunisten, die den Wiederaufbau und die Entnazifizierung organisierten. De facto hatten in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Stuttgart die Arbeiter die Kontrolle. Ihr organisierendes Zentrum waren die Arbeitsausschüsse. In fast allen Stadtteilen gab es solche Arbeitsausschüsse. Ihre Zentrale war das Gablenberger Volkshaus. Willy Bleicher war Mitglied im Untertürkheimer Arbeitsausschuss. Ewald Conzmann war Mitglied des Arbeitsausschusses in Stuttgart-Ost. Sein Ausweis als Arbeitsausschussmitglied liegt noch heute in der Schublade seines Wohnzimmerschrankes.

Von 1961 bis zu seiner Rente arbeitete Ewald bei Kühler-Behr in Kornwestheim und war dort im Betriebsrat und gewerkschaftlich aktiv. Sein Meister berichtet, dass er niemand kenne, der sich so für die Kollegen und die Schwächsten eingesetzt hat, selbst dann wenn das zu seinem persönlichen Nachteil war. Bei Betriebsversammlungen hätte er den Geschäftsführern („studierten Leuten“) oftmals so eingeheizt, dass sie mit hochrotem Kopf die Versammlung verlassen hätten.

Politisch organisierte sich Ewald Conzmann nach dem Krieg nach Wiederzulassung der Parteien sofort wieder in der KPD und kandidierte für sie bei Wahlen. Bis zum Verbot der KPD war er beliebter Schulungslehrer der Partei. In der KPD der Nachkriegszeit kreuzte sich sein politischer Wege mit Willi Hoss und Hermann Mühleisen, die 1972 durch eine oppositionelle Liste bei Daimler Untertürkheim und als führende Köpfe der „plakat“-Gruppe bekannt wurden. .

Wie viele KPD-Mitglieder führte er trotz des KPD-Verbots 1956 seine politische Arbeit weiter. Das brachte den Parteigenossen Hausdurchsuchungen, Festnahmen und gerichtliche Verurteilungen. Ewald Conzmann wurde mit der Begründung „illegaler Tätigkeit“ 1956 verhaftet und musste erneut wie in den 30er Jahren in Haft ins Hotel Silber. Diesmal elf Wochen in Einzelhaft.

1959 wurde er zu 9 Monate Gefängnis mit 5-jähriger Bewährungszeit verurteilt.

Früher hätten die Leute gesagt „Wer den roten Ewald nicht kennt, wohnt nicht in Ostheim“.

Seit 1946 ist Ewald Mieter einer städtischen Wohnung im Stuttgarter Osten. Erst im Nelkenweg, dann in der Parkstraße. Er gehörte zu der Generation, die die Kriegszerstörungen an den Wohnungen und Häusern provisorisch reparierten.
Danach führte er den Kampf darum, dass die Stadt Stuttgart in den städtischen Wohnungen gescheite Türen und Bäder einbaut.

Im Februar 1975 gründete er die Mieterinitiative und wurde zum Ersten Vorsitzenden gewählt. Dieses Amt übt er noch heute aus.

Von 1980 bis 1985 war Ewald Conzmann Vorsitzender des Mietervereins Stuttgart. Im Gegensatz zu allen anderen Vorsitzenden lehnte er eine Aufwandsentschädigung dafür ab und übte das Amt ehrenamtlich aus.

Bis heute kämpft er dagegen, dass die SWSG den Mietern, die sie in den 80er Jahren vom Liegenschaftsamt übernommen HAT, die Recht aus den alten Mietverträgen immer wieder ignoriert.

Als die SWSG aufgrund des Erstarkens der Mieterinitiativen 1987 den Mieterbeirat als offizielles Vertretungsorgan einrichtete, kandidierte Ewald Conzmann dafür und ist seither Mitglied im Mieterbeirat für den Osten. Doch er hält nichts von diesem Gremium, weil es entweder von Sozialdemokraten oder sogar von Parteifreunden des SWSG-Aufsichtsratsvorsitzenden und CDU-Bürgermeisters Föll zur „Babbelbude mit ein paar Wichtigtuern an der Spitze“ gemacht wird. Das scheinen auch viele Mieter so zu sehen.

„Ohne Ewald Conzmann wäre der SWSG-Mieterbeirat der ewig duldende, zahnlose Tiger. Mit ihm gibt es immerhin die kleine Chance, dass die Entscheidungen der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) nicht ganz widerspruchslos abgenickt werden.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Der Mieterbeiratsvorstand hält es nicht für nötig über die beschlossene Mieterhöhung von bis zu 10% ab Mitte 2010 zu diskutieren, geschweige denn dagegen zu protestieren.

Ewald Conzmann ärgert sich auch darüber, dass die Mieterbeiräte Sitzungsgeld in ihre private Tasche stecken. Sein Sitzungsgeld und das seiner Mitstreiter im Osten ging immer in die Kasse der Mieterinitiative. Davon wurden die Kosten, wie Einladungen und Porto finanziert. Für ihn gilt hier das gleiche Prinzip wie in seiner gewerkschaftlichen und politischen Arbeit: für die Bewegung leben und nicht von ihr.

Jeder Mieter, der mit einem Anliegen zu Ewald kommt, erhält Unterstützung. Unzählige geharnischte Briefe hat Ewald an die SWSG geschrieben und schreibt sie immer noch. Wenn es sein muss, geht er auch heute noch direkt in die SWSG-Zentrale nach Obertürkheim und knöpft sich die Herren persönlich vor. Fast immer setzt er sich durch und zwingt die SWSG zum Rückzug.

Es gibt in ganz Stuttgart keinen besseren Kenner des Mietrechts und keinen besseren Anwalt in Sachen Mietrecht als Ewald Conzmann.

Viele Mieter befürchten, dass ihnen die SWSG das Fell über die Ohren zieht, wenn Ewald die Mieterinteressen nicht mehr vertreten kann. Er selbst sagte mal: „die warten nur, dass ich ins Gras beiß, dann haben sie ihren größten Widersacher los.“ Aber das könnte noch lange dauern. Denn mit seinen 90 Jahren ist Ewald Conzmann geistig hell wach und verfolgt noch genau was um ihn herum und in der Weltpolitik passiert. Damit er körperlich fit bleibt, bewegt er jeden Tag seinen Rollator durch den Raitelsberg.

Inzwischen gibt es eine Wiederbelebung der Mieterinitiativen durch eine jüngere Generation von Mietern. Die Ausrichtung der SWSG auf Profitmaximierung, die ständig steigenden Mieten und Mietnebenkosten, die Abwälzung von Kosten auf die Mieter, die Vernachlässigung von Wohnungen und Häusern und nicht zuletzt der rüde Umgang der SWSG mit Mietern, führt zu immer mehr Unmut. Und die Mieter organisieren sich neu, um ihre Interessen gemeinsam zu vertreten. So hat sich die Mieterinitiative im Hallschlag wiedergegründet und wird von Ewald Conzmann beraten und unterstützt.

In einem Artikel in den Stuttgarter Nachrichten vom 2.7.2009 wurde Ewald Conzmann als „heimlicher Bürgermeister vom RIO“ (RIO = Raitelsberg im Osten) bezeichnet.

2009 erhielt Ewald Conzmann die Ehrenmünze der Stadt Stuttgart für sein „verdienstvolles Wirken für die Mieterschaft der SWSG“ verliehen. Er weigerte sich zunächst die Münze überhaupt anzunehmen. Wörtlich soll er gesagt haben: „So einen Scheiß brauch ich nicht“. Am Ende lässt er sich von Menschen aus seinem persönlichen Umfeld überreden, die Münze anzunehmen. Aber sie bedeutet ihm nichts.

Im Rahmen einer Mieterversammlung am 19.5. wurde Ewald von den Mieterinitiativen geehrt. Ursel Beck vom Vorstand der Mieterinitiative Hallschlag bedankte sich bei Ewald für seinen jahrzehntelangen Einsatz für die SWSG-Mieter. Maria-Lina Kotelmann, Stadträtin der Fraktion SÖS/LINKE und Aufsichtsratsmitglied bei der SWSG überbrachte Ewald ihre Glückwünsche und erklärte, dass sie das einzige Mitglied im Aufsichtsrat sei, das die Mieterhöhung ablehnt. Karl Meier von der Mieterinitative Hallschlag und der ehemalige Meister von Ewald Conzmann dankten dem Jubilar für sein vorbildliches Leben. Der bewegendste und beeindruckendste Moment des Abends war die Rede des 94 jährigen Theodor Bergmann. Er führte das lebenslange Engagement von Ewald auf seine politische Einstellung zurück. Er vermittelte den Anwesenden was es bedeutete in der Arbeiterbewegung der 20er Jahre groß geworden zu sein. Er und Ewald hätten für den Sozialismus gekämpft. Dieses Ziel sei immer noch notwendig, auch wenn die ersten Anläufe dafür im letzten Jahrhundert gescheitert seien. Wenn der Kapitalismus nicht abgeschafft würde, dann käme das Elend und der Horror der 30er Jahre zurück. Theodor Bergmann erklärte, dass die Bürgerlichen vor Jahren vom Ende der Geschichte geredet hätten. Aber der Kapitalismus sei nicht das Ende der Geschichte, sondern er sei selbst am Ende.

Wir müssen uns zur Wehr setzen gegen Mieterhöhungen, gegen Arbeitsplatzvernichtung, Lohnklau und Sozialabbau. Indem wir uns dagegen zur Wehr setzen, müssen wir eine Bewegung aufbauen, die eine Alternative zum Kapitalismus bietet.

Am 12. Juni 2010 – Demonstration gegen die Abwälzung der Krisenlasten auf die Bevölkerung. | Ursel Beck |