KleineRede für Deniz Yücel
©Roland Hägele
Protestkundgebung der AnStifter
Stuttgart, 3.3.2017, L.K. Anläßlich einer Protestkundgebung der AnStifter auf dem Kernerplatz in Stuttgart für die Freilassung inhaftierter Journalistenin der Türkei, darunter der Welt-Korrespondent Deniz Yücel, hielt der Stuttgarter Kabarettist Peter Grohmann folgende Rede:

LEBEN

Leben
einzeln und frei
wie ein Baum
und brüderlich
wie ein Wald
ist unsere Sehnsucht.

Yasamak
Bir agaç gibi
Tek ve hür
Ve bir orman gibi
kardesçesine
bu hasret bizim
(Nâzim Hikmet)

„Das Bürgerprojekt Die AnStifter fordert die türkische Justiz auf, Deniz Yücel und alle anderen in der Türkei inhaftierten Journalisten sofort freizulassen. Dass ein Mensch monate- oder gar jahrelang in Untersuchungshaft einem ungewissen Schicksal entgegensehen muss, nur weil er seine Arbeit ernstgenommen hat, ist nicht akzeptabel. Und im aktuellen Fall sind die gegen Deniz Yücel erhobenen Vorwürfe der Terrorpropaganda und der Aufwiegelung der Bevölkerung zusammengeschustert, absurd und paranoid.
Die Türkei steht auf Platz 151 von 180 Ländern auf der Rangliste der Pressefreiheit. Momentan sind dort rund 150 Journalisten im Gefängnis, ungefähr ein Drittel im Zusammenhang mit ihrer Arbeit als Autorinnen und Autoren, ganz zu schweigen von jenen Zehntausenden, die verfolgt und gedemütigt werden, ganz zu schweigen von Folter und Haft, ganz zu schweigen vom Verlust der wirtschaftlichen Existenz, von Berufsverboten, willkürlichen Entlassungen, Polizeischikanen. Das trifft Menschen aus allen Schichten, aus allen Landesteilen, mit unterschiedlichsten Überzeugungen.
Immer sind die Vorwürfe ähnlich, Terrorverdacht, Unterstützung militanter Gruppen, eine feindselige Haltung gegen den türkischen Staat und die „Sultane“, Beteiligung am sogenannten Putsch der Gülen-Bewegung. In weit mehr Fällen werden die Verfolgten und Inhaftierten aber nicht einmal darüber informiert, was ihnen vorgeworfen wird - Anwälte erhalten keine Akteneinsicht, Angehörige sind vom Kontakt vielfach ausgeschlossen.
Dass sich aktuell Deniz Yücel als Korrespondent einer großen ausländischen Redaktion gegen solche absurden Anschuldigungen wehren muss, bedeutet eine neue Qualität der Verfolgung, die deutlich über die bisherigen Schikanen wie Einreisesperren oder verweigerte Akkreditierungen von Journalisten hinausgeht. Allein nach dem Putschversuch im Sommer 2016 wurden weit über 100 Journalisten verhaftet, rund 150 Medienhäuser geschlossen, darunter etwa 30 Verlage, die zusätzlich enteignet wurden.
Mehr als 700 Presseausweise wurden annulliert. Es ist für das Bürgerrecht auf freie Information eine Katastrophe, dass kritische Journalisten unter Generalverdacht gestellt werden. Die wenigen noch verbliebenen unabhängigen Medien arbeiten in ständiger Angst. Wiederholt wurde ausländischen Journalisten die Akkreditierung verweigert oder die Einreise verwehrt. Daneben ersticken die politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen vieler wichtiger Medienbesitzer eine kritische Berichterstattung im Keim.
Von der deutschen Bundesregierung verlangen wir nachdrücklich ein entschiedenes Eintreten für Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei. Deutschland muss sich konsequent für die sofortige Freilassung festgesetzter und inhaftierter Autorinnen und Autoren, Journalistinnen und Journalisten wie den deutsch-türkischen Korrespondenten Deniz Yücel einsetzen
Die mangelnde Unabhängigkeit der türkischen Justiz sowie eine Reihe von pressefeindlichen Gesetzen sind die wesentlichen Ursachen für die schwierige Lage der Medienfreiheit in der Türkei. Der Diensteifer der Justiz richtet sich eher auf die Verfolgung als auf die Verteidigung von Journalisten.
Wir wissen: nicht nur in der Türkei wird die Meinungsfreiheit mit Füßen getreten, nicht nur in der Türkei wird die Demokratie demontiert. Aber hier und heute geht es uns in erster Linie um die Türkei, um Deniz Yücel als Beispiel und Indiz für einen Obrigkeitsstaat, für Willkür und Unterdrückung.
Die Freiheit des Wortes ist ein Menschenrecht, ist nicht verhandelbar. Meinungs-, Informations- und Pressefreiheit sind die Grundlage einer freien und demokratischen Gesellschaft.
Wer jetzt nicht klar und deutlich Position bezieht, macht sich zum Handlanger der Repression. Hier darf es keine faulen Kompromisse geben. Wo auch immer die Meinungsfreiheit angegriffen und derart massiv eingeschränkt wird, muss die Bundesregierung ihre Politik gegenüber solchen Ländern überprüfen.

Nâzim Hikmet
Heute ist Sonntag
Heute haben sie mich das erste Mal in die
Sonne hinausgelassen
Ich bin das erste Mal in meinem Leben
so sehr verwundert darüber,
dass der Himmel so sehr weit weg von mir
ist, so sehr blau ist, so sehr großflächig ist.
Ohne mich zu rühren stand ich da.
Danach setzte ich mich mit Ehrfurcht auf die
Erde, meinen Rücken lehnte ich an die
Wand. In diesem Moment dachte ich weder
an das Fallen der Wellen, noch an Streit,
noch Freiheit, noch an meine Frau.
Die Erde, die Sonne und ich … Ich bin
überglücklich…

Ich wünsche Ihnen und uns diesen Sonntag, von dem Nâzim Hikmet spricht: dass wir den Rücken an die Wand lehnen können ohne Angst, abgeholt zu werden wie Deniz Yücel, eingesperrt und isoliert,
dass unsere Himmel blau und blau sind, dass wir unterwegs sind, gemeinsam und brüderlich wie ein Wald,
für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit überall auf dieser Erde,
gegen Terror und Unterdrückung, gegen Krieg und Ausbeutung, gegen Gewalt!
Ich wünsche uns allen, dass wir unterwegs bleiben, unterwegs für die Menschenrechte, und für alle, die getreten und erniedrigt, verfolgt und gepeinigt werden!

Freiheit für Deniz Yücel! „