Peter Grohmann
©Roland Hägele
Seinerzeit, Club Voltaire
Stuttgart, 4.12.2016, L.K. Anläßlich des „Schmuddelbanketts“, das heute im Gustav-Siegle-Haus stattfand, hielt der Stuttgarter Kabarettist Peter Grohmann eine nachdenkliche, aufrüttelnde Rede:
„Seinerzeit, Club Voltaire.
Vor 55 Jahren, im Winter 61, sagten wir uns,
so kann’s nicht weitergehen.
Irgendwer hat sich da in der Schweinebucht eine blutige Nase
geholt, und irgendwer hat gesagt, wir haben nicht die Absicht,
eine Mauer zu errichten.
Heute, 55 Jahre später, ist die eine Mauer weg und die
andere vor der Tür,
und wenn nicht vor der Tür, dann im Koppe,
wie meine Omi Glimbzsch in Zitau sagen tät’.
Vor 55 Jahren gibt’s noch die Rassentrennung
in den Vereinigten Staaten,
heute gibt’s Trump.
Vor 55 Jahren stand das Theater der Altstadt noch in der Altstadt,
irgendwo zwischen Esslinger und Brennerstraße
und die Widmerin in der Leonhardstraße ließ nicht jeden rein,
nicht nach Mitternacht.
Wir trafen uns in den Wohnungen und im Murrhardter Hof
und in der Heusteigstraße im fünften Stock
und hörten, dass sie da in Frankfurt der Club Voltaire
gegründet hatten,
Voltaire sagte uns jungen Arbeitern nicht viel,
aber dass man anfangen müsste, anders zu denken,
das wussten wir.
Das Neue Deutschland zu lesen, war verboten, die KPD
war verboten, Brecht’s Stück zu spielen, war eher schwer.
Was verboten ist, das macht uns grade scharf.
Biermann war in der DDR verboten.
Für die neuen Gedanken brauchten wir neue Orte,
neue Freunde, eine neue Praxis

Zuerst nehm’ wir uns Manhattan, dann nehm’ wir uns Berlin
Was für ein Ding
Zwanzig Jahre Stumpfsinn, Langeweile
Weil ich das System verändern wollt - von innen
Jetzt zahl’ ich’s ihnen heim
Zuerst nehm’ wir uns Manhattan, dann nehm’ wir uns Berlin
Siehst du die Zeichen an den Himmeln?
Die lenken mich, wenn ich Dir’s sag!
Schau mal, das Muttermal auf meiner Haut
Vergiss nicht: Unsere Waffen sind andere Waffen
Zuerst nehm’ wir uns Manhattan, dann nehm’ wir uns Berlin
Klar würd ich gerne mit dir leben, Schatz
ich lieb deinen Körper, deinen Geist, deine Klamotten
Aber siehst du die Trottel da,
die durch den Bahnhof taumeln, Richtung Milaneo?
Ich hab’s dir doch gesagt: Ich war einer von denen, ehrlich.
Ich mag Ihr mieses Mode-Geschäft nicht, mein Herr,
ich mag ihr Schlankheitspillen nicht
ich mag nicht, was meinen Schwestern passiert ist
Mir stinkt Eure Arroganz der Macht
Zuerst nehm’ wir uns Manhattan, dann nehm’ wir uns Berlin
Danke dir für die Sachen, die du mir geschickt hast
den Affen und die Sperrholz-Geige
ich habe jede Nacht geübt, jetzt bin ich bereit
Nachgedacht, Verbündete gesucht, Freunde gefunden
Zuerst nehm’ wir uns Manhattan, dann nehm’ wir uns Berlin
Jetzt habt ihr Schiss, wir könnten siegen
Ihr wisst, wie ich aufzuhalten wäre
Doch dafür seid ihr zu dekadent
ich sag mal so: Hab oft gebetet, dass es endlich losgeht
Ich hab dir beim Einkauf geholfen,
und ihr wisst es auch: Damals war Musik mein einziges Ding
Das hat sich geändert - Doch jetzt ist Vatertag
und alle sind verwundet, irgendwie
Zuerst nehm’ wir uns Manhattan, dann nehm’ wir uns Berlin

Meine Omi Glimbzsch ist heute auf dem Dresdner Striezelmarkt!
Was für ein Fest!
Was für ein Fest seit 581 Jahren!
Advent auf dem Dresdner Altmark, seit 1434.
Da kamen durch die Jahre
die Händler aus Ost und West,
aus Süd und Nord,
sie kamen aus Böhmen und Mähren,
sie kamen über den Großen Belt,
aus den alten Städten der Hanse,
Neugierige und Wanderer des Wegs,
mit Töppen und Tüchern und Kannen und Kräutern,
mit Fellen und Feilen und bunten Farben,
kaufen und gekauft werden,
gebückt von des Tagesmühen, von harter Arbeit,
langen Wegen,
hungrig und müde
lustig und übermütig und lebensfroh
die Starken und die Schwachen
Heute auf dem Dresdner Striezelmarkt,
n 581 Jahren,
schaut man sie an
voller Misstrauen und Missgunst, voller Angst und Sorge
Wo der Pfeffer wächst, sollen sie bleiben.
Die Fremden.

Wir leben in einer Welt,
in der wir zunehmend voneinander abhängig werden
und uns doch immer mehr gegeneinander wenden.
Warum stellen sich Menschen gegen das,
was sie miteinander verbindet,
gegen das, was sie gemeinsam haben - ihr Menschsein?
Der Fremde in uns, das ist der uns eigene Teil,
der uns abhanden kam und den wir zeit unseres Lebens,
jeder auf seine Weise, wiederzufinden versuchen, sagt Arno Gruen.
Unsere Hoffnung ist, mit unserer Arbeit Mut zu machen
für das Kleine, für die kurzen Schritte,
für das tägliche Engagement, gegen die Dummheit + Angst,
damit wir den Fremden ins uns und den Fremden im Alltag erkennen.

Du kannst nur ein Mensch sein,
wenn mich ein anderer als Mensch erkennt

Das ist unser Traum:
Erkannt zu werden in diesen Zeiten
als Mensch mit Schwächen
als Bürgerin, als Citoyen.
Selbstbewusst und übermütig, Mensch zu sein,
Das geht nur, wenn wir den Nächsten im Blick haben
Die Nächsten von heute, am 4.12.2016,
sind die Kinder in Aleppo,
die Schwangeren auf den schwankenden schäbigen Schiffen,
nordwärts getrieben von Hunger und Terror,
sind die 100 000 Verhafteten in der Türkei,
die angeketteten Gefangenen der ägyptischen Stasi.

Die Nächsten heut sind die Nachbarn in Österreich,
sind Trump und Villon und Le Pen,
die Rechtsradikalen, die Neoliberalen,
und um die Ecke steht die bürgerliche Mitte und macht Pippi.

Die Nächsten von heute seid aber auch Ihr,
Sie und Du da und ihr da unten
die Nächsten von heute sind alle,
die genauer schauen auf die vielen,
die im Abseits stehen, auf die, die mehr werden.

Lasst uns auswandern.
Lasst uns eine neue Reise machen
gegen Dummheit und Intoleranz,
gegen Fremdenhass und Gewalt.

Es ist die Reise in die Zukunft,
eine Reise in eine freundlichere Welt.

Auf geht’s, wir fahren.
Was für ein Traum!“