Es läuft nicht rund am Eckensee
© Roland Hägele
Hochkultur versus Stadtkultur
Stuttgart, 14.7.2015, hs. Der Aufschrei war vergleichsweise gering, als letzte Woche die erste Meldung über den Ticker ging: Das rund hundert Jahre alte Opernhaus im Oberen Schlossgarten muss saniert und erweitert werden. Kostenpunkt Stand heute: zwischen 300 und 600 Millionen Euro. Als Gründe nannte der geschäftsführende Intendant, Marc-Oliver Hendriks, in der Verwaltungsratssitzung drei wesentliche Gründe. Die Gastronomie, die nicht wettbewerbsfähig sei, müsse erweitert werden. Zudem wolle man flächenmäßig wieder das Niveau des Hauses von 1912 erreichen – er bezifferte das Flächendefizit der Oper auf rund 10.000 Quadratmeter Nutzfläche. Und drittens gehe es auch um eine Optimierung der Bühnentechnik.
All das ein dicker Brocken im baustellengebeutelten Stuttgart, aber es kommt noch dicker: Um den Spielbetrieb aufrechterhalten zu können und weiterhin Einnahmen zu generieren, brauche man nämlich dringend eine Interimslösung. Und da denke man an einen Neubau, der für die Dauer des Umbaus als Oper-Ersatz dienen solle. Nur wohin damit?
Neben anderen Optionen stand auch der Eckensee, Stuttgarts letzte Oase der Innenstadt, auf der Agenda und wurde als Ausweichspielstätte auch vom Verwaltungsrat favorisiert. Auf ihm soll nämlich ein sage und schreibe fünfstöckiges Gebäude errichtet werden, das für die mehrjährige Umbaudauer (Stand heute: 3 bis 7 Jahre) zum Musentempel erklärt werden soll. Dem Vorschlag, die Oper nach Ludwigsburg auszulagern, erteilte OB Fritz Kuhn hingegen eine klare Absage: „Die Stuttgarter Oper sollte in Stuttgart sein“. Was mit den erholungsbedürftigen, von Staub und Baulärm entnervten Bewohnern der Innenstadt passieren soll, sagte der Grüne indes nicht.


Damit dürfte hoffentlich eine öffentliche Diskussion eingeläutet worden sein, an der sich auch die protestmüde gewordene Stuttgarter Stadtgesellschaft beteiligt. Die Parkschützer beklagen jedenfalls bereits den „Stuttgarter Größenwahn“ und auch der BUND Regionalverband Stuttgart hat sich zu Wort gemeldet.
In einer Pressemitteilung geißelt er erneut den enormen Kahlschlag durch Stuttgart 21 und ergänzt, dass ein weiterer Parkverlust nicht hinnehmbar sei. Auch dräuen Juchtenkäfer und Fledermäuse. Beide dort angesiedelten Tierarten hatten – wir erinnern uns – bereits im Jahr 2013 die Fällung weiterer Großbäume entlang der Schillerstraße im letzten Moment verhindert und dafür gesorgt, dass die Fronten zwischen Gegnern und Befürwortern des Tiefbahnhofs noch grundsätzlichere und noch absurdere Züge annahmen. Auch diese Entwicklung ist bereits zu beobachten, fühlen sich doch die Online-Kommentatoren der „Habt euch nicht so“-Fraktion auf den Plan gerufen, in ihren Beiträgen den Juchtenkäfer zu verteufeln und keine wirklich gute Feder an der Stockente zu lassen.
Es dürfte also wieder einmal spannend werden am Eckensee und rund um den gebeutelten Schlossgarten. Und man muss vermutlich auch kein Prophet sein, um vorauszusehen, dass es in der ganzen Diskussion um die Sanierung des Opernhauses eben nicht nur um Baufragen geht. Sondern vor allem und in erster Linie um die Frage nach der Lebensqualität der Stuttgarter Bürger. Und – politisch gemünzt – um die Frage, wie wir leben wollen. Dass wir mitbestimmen wollen. Wer uns überhaupt (noch) zuhört.
Immerhin: der BUND hält bereits einen vermutlich nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag parat, den die Verantwortlichen trotzdem nicht einfach abtun sollten. Er schlägt den Innenhof des Neuen Schlosses als Ersatzstandort für die Oper vor. Damit würde, so der BUND, „der wohl teuerste und unsinnigste Parkplatz im Ländle endlich einer vernünftigeren Nutzung zugeführt. Zudem rückt mit diesem Standort die Hochkultur näher an den Normalbürger auf der Königstraße, wovon beide profitieren könnten.“
Ein schönes Ziel.