CSD-Sommerfest 2015
© Roland Hägele
Denis
Deutsch-russische Völkerfreundschaft
Stuttgart, 13.6.2015, L.K. Trotz aller Medienpropaganda gibt es sie noch, die deutsch-russische Völkerfreundschaft - auf dem Sommerfest des CSD wurde sie heute gelebt, zusammen mit Denis von der russischen Boyband DIK, der extra aus Russland zum CSD-Fest angereist war. Den Kontakt zu DIK hatte Laura Halding-Hoppenheit, Gemeinderätin für Die Linke in Stuttgart, vermittelt.
In Russland sind sie Superstars, ihre Songs werden im Radio rauf- und runtergespielt, allerdings nicht von Staatssendern, sondern beispielsweise vom russischen Queerradio. Ihre Musik ist sehr rhythmisch und energievoll, die Texte aussagekräftig, das Publikum geht begeistert mit.
Die Band besteht aus 3 männlichen Mitgliedern, darunter ein Ukrainer. Dies ist auch einer der Gründe, weshalb heute nur Denis in Stuttgart auftrat, - für in Russland lebende Ukrainer ist es derzeit schwierig, ein Ausreisevisum aus Russland zu bekommen.


Denis ist 32 Jahre alt, ein Vollblut-Musiker, der sich auf der Bühne im Stuttgarter Schlossgarten sichtlich wohl fühlte. Der Anblick der vielen lesbischen und schwulen Paare, die sich schon am frühen Abend im Festzelt eingefunden hatten, wärmte ihm das Herz, er fühle sich wie im Himmel, wenn er diese Freiheit sehe, sagte er. In Russland ist es gesetzlich verboten, in der Öffentlichkeit zu seiner Homosexualität zu stehen, obwohl viele russische Medienstars und öffentlich bekannte Politiker homosexuell seien. Jeder von ihnen sei jedoch gezwungen, seine persönliche Wahrheit in der Öffentlichkeit zu verstecken und öffentlich Heterosexualität oder Neutralität vorzuspiegeln, weil Homosexualität, und zudem auch noch bei Personen des Öffentlichen Lebens, tabu sei.
So kann es einem Schwulen in Russland durchaus passieren, dass er bei der Arbeitssuche große Probleme hat, da Arbeitgeber keine Schwierigkeiten bekommen wollen und deshalb lieber Heterosexuelle einstellen. Dieses Vermeiden von Schwierigkeiten sei wohl auch der Grund, weshalb die Staatssender die Musik von DIK nicht spielen, obwohl sie in Russland äußerst populär sind. Man ignoriere sie einfach, um keine Probleme mit der Regierung zu bekommen.


Im Privatleben gibt es laut Denis keine Repressalien, da darf auch Homosexualität gelebt werden, ohne verfolgt zu werden, aber nur ganz diskret. Allerdings beschränkt sich die staatliche Akzeptanz nur auf eine Tolerierung von Homosexuellen, geschützt werden sie vom Staat nicht. Denis erzählt dazu eine Geschichte, die kaum vorstellbar ist: Am 26.12.2014 verließ er mit seinem Freund am frühen Morgen gegen 5 Uhr einen Schwulen-Club in Moskau und wurde auf dem Heimweg von einer 10-köpfigen Gruppe überfallen. Er wurde im Gesicht schwer verletzt und war blutüberströmt, die hinzukommende Polizei nahm den Vorfall aber nicht auf, da er ja offensichtlich „blau“ (in Russland die Bezeichnung für „schwul“) sei. Er konnte nach dieser Verletzung über 2 Monate lang beruflich nicht auftreten und behielt eine Narbe im Gesicht zurück, die ihn immer an diesen homophoben Überfall erinnern wird.


Dr.Alexey Prokaev ist Musikproduzent in Russland, er betreibt die Eventagentur „Marlene“ (in Anlehnung an Marlene Dietrich), spricht exzellentes Deutsch, produziert die Musik von DIK und begleitet Denis auf seiner Deutschlandreise. Im letzten Jahr trat die Gruppe DIK beim CSD-Fest in Berlin auf, jetzt haben sie das Bestreben, auch an anderen Orten in Deutschland aufzutreten, so wie heute in Stuttgart. Sie alle seien Künstler, sagt Dr. Prokaev, und wollen mit ihrer Kunst und Kultur für Völkerfreundschaft und Frieden werben.


Sie alle verfolgen das Fernsehen nicht, sondern sind mit ihrer Musik und Kultur beschäftigt, dennoch ist ihnen natürlich die Propaganda, die sowohl in Russland als auch in Deutschland über die Medien verbreitet wird, bekannt. Ihr Anliegen ist es, jenseits dieser Propaganda für das Menschliche, Völkerverbindende zu werben und damit ihren Teil zu einem friedlichen, menschlichen Miteinander beizutragen.


Diesem Anliegen wurde Denis heute mit seinem Auftritt absolut gerecht, er berichtete auf der Bühne über den langwierigen zähen Kampf, den Homosexuelle in Russland ausfechten müssen, seine Hoffnung liegt darauf, dass mit dem Generationenwechsel auch ein Umdenken stattfinden wird, für das es sich lohnt, zu kämpfen. „Steter Tropfen höhlt den Stein“ ist sein Motto.
Ein Lied der Gruppe heißt „Kiss me - I’m Russian“, der Text des Lieds handelt davon, dass Russen keine kriegerischen Monster sind, sondern ganz normale Menschen - in Russland verstehe kaum jemand, weshalb man das der Welt mitteilen muss, weil sich die russische Bevölkerung insgesamt als friedfertig empfindet. In Deutschland werde diese Botschaft hoffentlich als ernst gemeint aufgenommen.
DIK und sein Producer verstehen sich als kulturelle Botschafter des Friedens, mit Politik setzen sie sich höchstens am Rande auseinander, für sie steht die Kultur und ihre völkerverbindende Wirkung im Mittelpunkt.