Clemens Schneider
© Roland Hägele
Kunst im Leonhards-Viertel
Stuttgart, 25.5.2015, Liane Krusche. Ende 2014 zog der freie Künstler Clemens Schneider von seinem Atelier in der Paulinenstraße in sein neues Domizil in der Leonhardstr.5 im Leonhardsviertel, den Stuttgartern besser bekannt als „das Städtle“ oder die „Altstadt“, um. Mangels Führerschein und Fahrzeug transportierte er zusammen mit seiner Frau Rachida seine zahlreichen Bilder und Gerätschaften zu Fuß, dabei kamen sie auf jeder Tour auch über den Wilhelmsplatz. Der dort ansässige Galerist Andreas Henn realisierte, nachdem er einige Zeit diesem regen Treiben von seiner Galerie aus zugesehen hatte, dass es sich hier wohl um einen umfangreicheren Umzug handelte und bot den Schneiders seinen Transporter an. Bedauerlicherweise hatten sie keinen Fahrer und mussten deshalb ihre schwer beladenen Fußmärsche fortsetzen.


Für ihn ist das neue Kelleratelier perfekt, auch wenn das Gebäude kaum gedämmt und die Temperaturen im Atelier deshalb entsprechend unwirtlich sind, und er sich mit einer Campingtoilette behelfen muss, weil kein WC vorhanden ist. Durch einen Toreingang neben der Weinstube Fröhlich gelangt man in einen idyllischen Hinterhof mit südländischem Flair, in dem die Weinstube eine kleine Gartenwirtschaft betreibt. Dort geht es über eine Treppe hinunter ins Atelier von Clemens Schneider, wo vorher 45 Jahre lang die Metallschleiferei der Gebrüder Maiwald ansässig war. Nachdem diese ihren Betrieb eingestellt hatte, schlug eine Anwohnerin der Stadt vor, die Räume doch als Künstleratelier zu nutzen, da die Nachbarn Bedenken hatten, welche neue Nachbarschaft ihnen ins Haus stehen könnte. Unabhängig davon setzte sich der Kulturbetrieb Wagenhallen beim Kulturamt Stuttgart dafür ein, die Räume an Clemens Schneider zu vermieten, der auf der Suche nach einem geeigneten Atelier war. Gebäudeeigentümer ist das Liegenschaftsamt Stuttgart, das dann auch einen Mietvertrag mit einer sehr moderaten Monatsmiete mit dem Künstler einging. Seit einem halben Jahr arbeitet er dort inzwischen und erfährt positiven Zuspruch seiner Nachbarn, die es befürworten, Künstler in ihrem Viertel zu haben.


Der heute 41Jährige machte nach der Schule zunächst eine Ausbildung als Steinbildhauer und arbeitete ein Jahr als Geselle, bevor er nach einer Begabten-Aufnahmeprüfung sein Studium an der Kunstakademie Stuttgart aufnahm. Seit Abschluss des Studiums ist er als freier Künstler tätig, malt abstrakte Bilder mit Öl und Tempera und fertigt Bleistiftzeichnungen - teils in sehr großen Formaten. Bezeichnend für ihn und seine Arbeit ist, dass er von A - Z alles selbst herstellt, seine Farben und seit 2011 auch sein eigenes Papier. Der Auslöser dafür, sich auch an die Papierherstellung zu wagen, war der Umstand, dass er für eine geplante Zeichnung, die ein Format von 3m x 4m haben sollte, im Handel kein entsprechend großes Zeichenpapier bekam, selbst Papierfabriken konnten ihm dieses Format nicht liefern. Nachdem ihm ein professioneller Papierschöpfer sagte, Zeichenpapier in dieser Größe könne man nicht herstellen, dachte Clemens Schneider „das werden wir ja sehen“ und beschloss, es einfach selbst herzustellen. Beflügelt hat ihn obendrein die Aussage des Papierschöpfers, wer so eine Idee hat, kann keine Ahnung vom Papierschöpfen haben. Rückblickend gibt Schneider ihm insofern Recht, als er sich damals sicher nicht ans Werk gemacht hätte, wenn er eine Ahnung gehabt hätte, was für eine Arbeit er sich da vorgenommen hat. Statt dessen machte er sich jedoch wohlgemut daran und schaffte es tatsächlich, dieses großformatige Zeichenpapier selbst herzustellen. In sein neues Atelier hat er in Eigenarbeit eine Papierschöpfanlage eingebaut, die auf einem alten Dachgebälk, das er aus einem Abbruchhaus retten konnte, platziert ist. Die ca. 3 m breite Walze hat er selbst gegipst, sie wiegt ca. eine halbe Tonne. Auf ihr kann er Papier mit 3 m Breite und unbegrenzter Länge herstellen. Die Tür zum Gewölbekeller, in dem die Maschine steht, ist viel zu schmal, als dass die Walze je wieder hinaustransportiert werden könnte.


Seine Farben stellt er ebenfalls selbst her, teils aus roter Erde aus Marrakesch oder Mallorca, teils aus gelber Stuttgarter Erde.
Eigentlich ist alles, was in dem Atelier steht, selbst gemacht, vom Röhrenverstärker der Musikanlage, über die Lautsprecherboxen bis hin zu Regalen, die er aus Holzabfällen kunstvoll neu zusammengesetzt hat. Weggeworfen wird bei ihm kein Werkstoff, alles findet weitere sinnvolle kreative Verwendung.
So werden alte Jeans in blaues Papier verarbeitet, die rosa Kinderkleider seiner inzwischen 12jährigen Tochter wurden zu rosa Papier und alte Nonnen-Nachthemden und Klosterwäsche werden in seinem - ebenfalls selbstgebauten - „Holländer“ kleingeschnitzelt und dann zu Papier gemacht. Seit Jahren malt und zeichnet er nun schon auf seinem eigenen Papier, das eine ganz individuelle Beschaffenheit hat und verwirklicht damit seinen Wunsch, dass selbst seine nicht-signierten Werke,so es denn welche gäbe, einwandfrei ihm zugeordnet werden könnten.


Dieses Bestreben, die Gegenstände, die er benötigt, selbst herzustellen, und die Zielstrebigkeit, dies auch zu tun, haben ihm im Freundeskreis den Spitznamen „Leonardo“ in Anlehnung an das Allroundgenie Leonardo Da Vinci eingebracht. Aber nicht nur Selbst-Herstellen ist sein Schwerpunkt, auch die Rettung architektonischer Elemente aus alten Häusern, die abgerissen werden, liegt ihm am Herzen. So finden sich kunstvoll verzierte Türstöcke und Geländerteile in seinem Atelier, die er retten und der Nachwelt erhalten konnte. An diesen Stücken erschließt sich einem die Liebe zum Detail, die noch vor 100 Jahren in der Architektur und der Ausstattung von Häusern zum Ausdruck kam.


2013 wurden seine Werke im Wilhelmspalais kurz vor dessen Umbau auf zwei Stockwerken ausgestellt - die großen hellen Räume brachten seine großformatigen Bilder sehr eindrucksvoll und schön zur Geltung. Den An- und Abtransport der Bilder leisteten er und seine Frau ebenfalls in altbewährter Manier zu Fuß, sie trugen die riesigen Bilder alle selbst zum Wilhelmspalais. Es war die erste Ausstellung, bei der er die Werke, die auf selbstgeschöpftem Papier geschaffen wurden, der Öffentlichkeit präsentierte. Auch hier wurde wieder seine Lust am Selbermachen sichtbar, denn nicht nur den Bildertransport hat er selbst gemacht, sondern auch die Bücher zur Ausstellung hat er selbst hergestellt, die Fotos gemacht und die Bücher gebunden. Nur die Textbeiträge stammen von dem Kunstexperten Dr.Tobias Wall.


Ab 10.7.2015 gibt es wieder die Gelegenheit, seine Arbeiten zu betrachten und natürlich auch zu erwerben, und zwar anläßlich einer Ausstellung in der Galerie Tobias Schrade in Ulm.
Die Idee, auch Auftragsarbeiten durchzuführen, ist Clemens Schneider grundsätzlich sympathisch. So könnte er sich vorstellen, aus Stoffen, die der Auftraggeber verwenden möchte - beispielsweise aus eigenen Kleidern - , Papier zu schöpfen und es dann zu bemalen.
Seine Bilder bezeichnet er selbst als Analogien zu Musikstücken, die er während des Malens hört. Sie inspiriert ihn, es entstehen innere Bilder, die er zu Papier bringt. Und deshalb wünscht er sich für das Leonhardsviertel, in dem er jetzt beheimatet ist, auch die Ansiedlung einer neuen Musikszene, die sich experimenteller Musik und neuer Klassik widmet, mehr Studentenwohnungen und insgesamt ein buntes Publikum mit Niveau. Auch diejenigen der alten Häuser, die zunehmend verkommen, liegen ihm am Herzen: „es wäre schön, wenn man sich um ihren Erhalt kümmern würde, bevor sie endgültig zu Abbruch-Kandidaten werden“.