Joe Bauer’s Flaneursalon
Ein Abend in der Friedenau
© Roland Hägele
Stuttgart, 11.3.2015 R.H. Meine Mutter wuchs in einem Siedlungsreihenhaus in Stuttgart-Ostheim auf, ich wurde in Stuttgart Nord geboren und verbrachte dort die frühen Jahre meiner Kindheit, später lebte ich in Stuttgart-Ost, inzwischen im Stuttgarter Westen. Stuttgart hat sich seit meiner Kindheit auf den ersten Blick fast bis zur Unkenntlichkeit verändert, und das nicht unbedingt zum Guten, doch heute Abend begegnete ich in Joe Bauer’s „Flaneursalon“ in der Gaststätte Friedenau dem alten Geist, der speziellen Atmosphäre, die unser Stuttgart ausmacht, wieder und spürte, dass dieser Geist noch lebt. Dafür ein herzliches Danke an Joe Bauer.
Als ich um 19.30 Uhr, eine halbe Stunde vor Beginn der Aufführung, am Veranstaltungsort eintraf und meine reservierten Eintrittskarten bezahlt hatte, konnte ich mit Mühe einen der letzten Plätze im Saal ergattern. Der Flaneursalon scheint beliebt zu sein, dachte ich mir, - und das zu Recht, stellte ich im Verlauf des Abends fest. Gemeinsam mit der Sängerin Dacia Bridges, seinem Freund Roland Baisch und dem Künstler Stefan Hiss stellt Joe Bauer ein abwechslungsreiches Programm zusammen, das zwischen Lesung, Musik und Comedy hin- und herpendelt. Im einen Moment lauscht man andächtig dem Gesang von Dacia Bridges, im nächsten nickt man nachdrücklich zu den Ausführungen Joe Bauer’s, der über die Zusammenhänge des „Müllaneo“ mit mafiösen Strukturen im Ländle sinniert, die dümmliche Großmannssucht des Stuttgarter Gemeinderats herausarbeitet, indem er sich z.B. die Namensgebung der Plätze im „Europa-Viertel“ genüßlich auf der Zunge zergehen lässt, um dann mit wenigen Worten den Bogen zum Lebensgefühl alteingesessener Stuttgarter zu schlagen und die Heimeligkeit, die Stuttgart für alle Bewohner früher hatte, wieder ins Gedächtnis und vor allem ins Gefühl zu rufen. Er tut das in lakonischem Tonfall, keinesfalls frei von Sarkasmus, und trifft dabei die Dinge zielgenau auf den Punkt.
Zwischendurch moderiert Roland Baisch, beklagt die bittere Kälte hinter der Bühne und konstatiert, dass Gesundheit für Menschen, die sich in einem Angestelltenverhältnis befinden, leichter zu haben ist als für freie Künstler , ein Thema, das er genüsslich komödiantisch immer wieder in seiner Moderation aufgreift - und in der Tat sind die freien Künstler an diesem Abend schwer gehandicapt. Stefan Hiss hat sich (Glück im Pech) eine Verletzung am Bein zugezogen, die ihn zwar an Krücken zwingt, ihm aber die Hände für sein virtuoses Akkordeonspiel freilässt, während Dacia Bridges den Arm in einer Schlinge trägt, was ihren schönen, gefühlvollen Gesang nicht beeinträchtigt.
Das Programm - dargeboten im Wirtshaus-Theatersaal der „Friedenau“, einem der letzten derartigen Theater in Stuttgart - zieht mich in seinen Bann, es berührt, weckt Heimatgefühle ebenso wie politische Erkenntnisse über die Zusammenhänge, die zur Verunstaltung unserer Stadt führen.
Das Publikum ist bunt gemischt, alle vereint die Verbundenheit mit der Stadt, in der sie leben und deren Entwicklung sie kritisch betrachten. Einzelne sind anderer Meinung als Joe Bauer, als der sich über die architektonische Einfallslosigkeit der neuen Stadtbibliothek auslässt, man spürt im Publikum, dass der Eine oder Andere diesen Bau offenbar gar nicht so schlecht findet; Viele murren bereitwillig zustimmend, wenn es um die Ödnis des Europa-Viertels geht und völlig einig ist man sich in der Kritik am immer noch höchst umstrittenen Großprojekt „S21“,
Während die Vorstellung läuft, werden im Saal emsig Getränke und Speisen serviert - die Speise meiner Wahl war „Schwäbischer Sauerbraten mit Spätzle“ - sehr lecker, genau so, wie ein Sauerbraten sein muss: mürbe und schmackhaft. Die Preise sind moderat, die Wartezeiten aufs Essen ebenso, obwohl der Saal vollbesetzt ist und der normale Gaststättenbetrieb nebenher weiterläuft.
Der Abend hinterlässt in mir das wohltuende Gefühl, dass ich mit meiner Verbundenheit mit Stuttgart nicht allein, nicht der letzte Hinterbänkler bin, der dem ausschließlich marktorientierten „Fortschritt“ , der in meiner, unserer Stadt unbarmherzig Einzug gehalten hat, wach und kritisch gegenübersteht.