CSD-Gala 2014
Ein politischer Abend unter dem Motto „Wir machen Aufruhr“
Foto:©Roland Hägele
Stuttgart, 20.7.2014, Liane Krusche
Im frisch renovierten Großen Kursaal in Bad Cannstatt tummelte sich am 19.7.2014 am Abend eine bunte Gästeschar, die an der diesjährigen CSD-Eröffnungs-Gala teilnahm. Die Gala macht den Auftakt zu einer Vielzahl von Veranstaltungen, die die IG CSD in diesem Sommer durchführt und deren Höhepunkt die CSD Polit-Parade am 26.7.2014 mit ca. 60 Formationen und ca. 3.500 Teilnehmern sein wird.
Schirmherr der Veranstaltungen des CSD ist in diesem Jahr der stellvertretende Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg Dr.Nils Schmid, der gemeinsam mit seiner Ehefrau anwesend war und die Gala eröffnete. Nach eigenem Bekunden war für ihn sofort klar, dass er die Schirmherrschaft ohne längeres Zögern übernimmt, wobei er auch auf den von der Landesregierung angestrebten Aktionsplan „Für Akzeptanz und gleiche Rechte“ verweist, der Grundlage für einen breiten gesellschaftlichen Konsens werden soll, damit Vielfalt und unterschiedliche geschlechtliche Identität akzeptiert werden.
Im Foyer gab es Getränke und leckere Häppchen, im Festsaal wurden Akt-Arbeiten des Künstlers Lars Deike ausgestellt, der mit seinen Bildern gegen Homophobie im Fußball bereits in Berlin für mächtig Aufruhr gesorgt hat.
Christoph Michl, Vorstand der IG CSD Stuttgart e.V. erinnerte in seiner Ansprache daran, dass der § 175 des Strafgesetzbuches erst vor 20 Jahren gestrichen wurde, und dies nicht etwa, weil man die Unmenschlichkeit und den Irrtum dieses Gesetzes einsah, sondern weil nach dem Fall der Berliner Mauer die west- und ostdeutsche Gesetzgebung auf einen gemeinsamen Stand gebracht wurde und § 175 im Zuge dieser Überarbeitung gestrichen wurde. Eine Rehabilitierung derjenigen, die durch dieses Gesetz kriminalisiert und eingesperrt wurden, Berufssperren erhielten und in ihrer Existenz diskriminiert wurden, lässt bis heute auf sich warten. Er ließ die Geschichte des CSD, die vor 45 Jahren in New York begann, kurz Revue passieren, und ging auch auf die tragischen unmenschlichen Zustände während der Nazizeit ein, in der Homosexuelle aufgrund ihrer sexuellen Neigung verfolgt und ermordet wurden. Heute setzt sich die IG CSD für die Menschenrechte von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen, transgender, intersexuellen und queeren Menschen (LSBTTIQ) ein, deren gesellschaftliche Situation in den letzten Jahren zwar besser geworden ist, wie Christoph Michl einräumt, jedoch besteht weiterhin großer Handlungsbedarf, um die Gleichstellung dieser Menschen in der Gesellschaft zu verwirklichen. Eines der Anliegen ist es, das Sonderrecht „Lebensgemeinschaft“, das diese Menschen zwischenzeitlich eingeräumt bekamen, abzuschaffen und die Ehe für Alle zu öffnen. „Auch wir haben Kinder, leben in Regenbogenfamilien, übernehmen Verantwortung, und das verdient Respekt“.
Auf politischer Ebene habe sich ein guter Dialog ergeben, weshalb die IG CSD große Hoffnung auf die Landesregierung setzt, wobei allerdings ein Budget von 200.000 EUR für die nächsten 2 Jahre den Bemühungen, ca. 200 erforderliche Maßnahmen umzusetzen, enge Grenzen zieht.
Michl wünschte den Anwesenden einen stimmungsvollen Abend und viel Vergnügen beim Showprogramm, aber dennoch: CSD muss politisch sein!
Im Anschluss begrüßte Dr.Nils Schmid die Gäste mit dem Bemerken, der CSD will ja eigentlich ganz selbstverständliche Dinge - z.B. selbstbestimmt leben. In Anbetracht der Tatsache, dass Homosexualität in über 70 Ländern der Erde unter Strafe steht, dürfe man in den Bemühungen um Gleichstellung der LSBTTIQ nicht nachlassen. Das düstere Kapitel der Diskriminierung müsse aufgearbeitet werden und diejenigen, die wegen ihrer sexuellen Ausrichtung verurteilt wurden, müssen rehabilitiert werden. Bis heute dürfen schwule Männer kein Blut spenden, dies müsse sich ändern, genauso wie das Adoptionsrecht. Auch müsse Frauen das Recht auf eine künstliche Befruchtung eingeräumt werden. Er stehe für eine Politik des Gehört-Werdens - „Diskriminierung und Intoleranz haben hier bei uns im Ländle nichts verloren“.
Durch das Show-Programm führte Travestiestar Frl.Wommy Wonder, die mit frechem Witz und sehr sympathischer Moderation das Publikum trotz der schwülen Hitze zu Heiterkeitsausbrüchen hinriss und die Darbietungen des Abends - wie im Programmheft bereits angekündigt - zu einem Gesamtkunstwerk verband.
Vanessa Maurischat aus Berlin brachte aus ihrem neuen Programm amüsante kabarettistische Einblicke ins alltägliche Leben, und das Duo Twin Spin faszinierte mit einer rasanten Jongleurnummer mit dem Diabolo.
Nach der Pause, in der Lachsschnittchen und andere Leckereien verzehrt wurden, stellte die Gruppe Peilsender aus Nürnberg u.a. ihr Lied „1000e Stimmen“ vor, das zum Motto-Song des CSD 2014 erkoren wurde. Der Saal fiel vielstimmig in den Refrain ein, was die ohnehin schon hohen Temperaturen noch höher steigen ließ.
Schließlich trat der Liederkabarettist Olaf Bossi auf, der mit Liedern, die der Alltag schreibt, die Herzen des Publikums eroberte. Eine Darbietung der besonderen Art, die nachdenklich und heiter zugleich stimmte, außergewöhnlich und sehr schön.
Zum Abschluss traten alle Künstlerinnen und Künstler des Abends gemeinsam auf und sangen das Lied „100% Mensch“ als Zeichen gegen Intoleranz und für Gleichberechtigung.