Lilo-Herrmann-Haus
Info-Tag zur Situation der Flüchtlinge
©Roland Hägele

Stuttgart, 22.11.2014, L.K. Rhythmische Punk-Rock-Musik, die Sängerin im hautengen knallroten Kleid beeindruckt nicht nur optisch, sondern vor allem mit ihrer ausdrucksstarken Stimme, das Schwarzlicht taucht die Szene in zuckende Blitze. Ein bunt gemischtes Publikum ist zum Solikonzert im Lilo-Herrmann-Haus gekommen und tanzt und wippt begeistert zur Musik der Stuttgarter Gruppe Ruby Shock, die für dieses Konzert zugunsten der Flüchtlingshilfe auf ihre Gage verzichtet. Ebenso die Gruppe Funnynoise aus Okinawa/Japan. Sie reisten aus Paris an, wo sie für ein Konzert gastierten, und fanden mit ihrem „crazy alternative Punk“ sehr guten Anklang beim schwäbischen Publikum („richtig gut“, „absolut Gute-Laune-Musik“ kommentierten die Zuhörer). 2013 hatten sie am Spring-Scream-Festival teilgenommen, ein Mega-Event, das jährlich in Taiwan stattfindet.


Die Veranstaltung organisierte die Initiative „Flüchtlinge für Flüchtlinge e.V“, die Asylbewerber unterstützt, sie bei Behördengängen begleitet, ihnen einen ersten Überblick darüber verschafft, was sie als Flüchtling in Deutschland erwartet, sie über ihre Rechte aufklärt usw. Die Hilfsinitiativen für Flüchtlinge kommunizieren überwiegend per Internet miteinander, viele Beteiligte kennen sich nicht persönlich, sondern nur virtuell, man organisiert Hilfen und verweist Hilfesuchende an die entsprechenden Initiativen. Im Rahmen des heutigen Soli-Konzerts sollen die Mitglieder der verschiedenen Gruppen die Möglichkeit haben, sich auch persönlich kennenzulernen und auszutauschen. „Flüchtlinge für Flüchtlinge“ wurde von Rex Rosa ins Leben gerufen, der selbst einst als Flüchtling aus Nigeria nach Deutschland kam. Die Initiative hat ihr Büro im Linke Zentrum Lilo Hermann, wie einige andere Gruppen auch.


Das Haus wurde im Jahr 2010 von Aktiven aus dem Sozialen Zentrum Stuttgart „Subversiv“ und weiteren AktivistInnen mit Unterstützung des Mietshäuser Syndikats gekauft. Damals war es in marodem Zustand, aber mit viel Eigenleistung und guter Beratung und Unterstützung eines Bauingenieurs gelang es, das Haus zu einem modernen Niedrig-Energie-Gebäude umzubauen. Für größere Bauarbeiten oder spezielle Gewerke wurden Fachfirmen herangezogen, und am 29.9.2012 konnte schließlich die offizielle Eröffnung gefeiert werden.


Die Namensgebung des Zentrums geht zurück auf Lilo Herrmann, die während des Nazi-Regimes eine aktive Widerstandskämpferin war, die sich trotz Schikanen des Staates und dem schweren Schicksalsschlag, dass der Vater ihres Kindes, der Stuttgarter Kommunist Fritz Rau während eines Gestapo-Verhörs erschlagen wurde, nicht auf ihrem Weg des Widerstands beirren liess. Am 12.6.1937 wurde sie wegen „Landesverrat und Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode verurteilt und in Berlin am 20.6.1937 im Alter von 28 Jahren hingerichtet.
Im Haus gibt es einen Veranstaltungssaal, einen Infoladen, einen Gemeinschaftsraum, das Politbüro (ein komplett eingerichtetes Gemeinschaftsbüro für verschiedene Gruppen, die sich regelmäßig dort treffen), sowie das Café Südstern VEB, das von Donnerstag bis Samstag geöffnet hat und neben diversen Getränken auch vegetarische und vegane Gerichte anbietet - alles zu ausgesprochen moderaten Preisen. Ferner ist ein Partykeller vorhanden, der, wie übrigens die anderen Räume auch, für Veranstaltungen oder Treffen von Gruppen angemietet werden kann. Im zweiten Obergeschoss sind zwei WGs eingemietet, denen 7 Personen angehören.


Nach Erzählungen der Aktiven hat das Haus guten Zulauf und wird von vielen Gruppierungen genutzt, auch in der Nachbarschaft erfährt man gute Akzeptanz, immer öfter kommen Nachbarn auch mal auf ein Bier ins Café. Die Atmosphäre ist sehr angenehm, Menschen jeder Herkunft und Hautfarbe sind willkommen, und jeder Interessierte kann sich auch aktiv einbringen. Es ist den Betreibern ein Anliegen, dem kapitalistischen Mainstream ein kollektives Organisieren und Partizipation entgegen zu setzen.