Alles bloß ein Strohfeuer?
Viele Stuttgarter, so scheint es, haben vor den Mächtigen kapituliert

Stuttgart, 11.8.2014, Tunnelblick. Widerständigkeit gegen die Obrigkeit hat im braven und ordentlichen Württemberg keine große Geschichte. Denn die Schwaben stehen nur auf, „wenn das Maß voll ist“ (Thaddäus Troll) und die staatliche Willkür überhand nimmt. Natürlich gab es jede Menge Reformer und Revolutionäre im Land. Die flüchtete aber ins Ausland oder wie Hölderlin in den Wahnsinn oder landeten auf dem Hohenasperg. Der letzte landesweite Aufstand - der Bauernkrieg, die Revolution des gemeinen Mannes von 1524/25 - liegt fast 500 Jahre zurück.
Im Sommer und Herbst 2010 aber schien es, als würden die Stuttgarter an diese verschüttete Tradition anknüpfen: Zu Zehntausenden gingen sie auf die Straße, um sich gegen die Amputation des Stuttgarter Bahnhofs und die Zerstörung ihrer Stadt zu wehren - ausgerechnet die Schwaben, denen man im Rest der Welt vor allem Fleiß und Disziplin nachsagt, besonders bei der Kehrwoche.
Doch das Aufbegehren währte nur kurz. Denn die Mächtigen boten alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel auf, um die Untertanen wieder gefügig zu machen. Anders als zu Zeiten des Armen Konrads gehörte unmittelbare Gewalt nur im äußersten Fall dazu, wie etwa am 30.9.2010 im Stuttgarter Schlossgarten. Die vorrangigen Waffen der demokratischen Herrschaft sind andere: Public-Relations-Agenturen, Medienkampagnen, sozialpsychologische Manipulation durch Schlichtung und Mediation, Einschüchterung durch Bespitzelung und Kriminalisierung.
Und so kommt es, dass sich viele Stuttgarter heute resigniert und frustriert zurückgezogen haben. Andere ereifern sich über angeblich gewaltige Behinderungen und Kosten durch Demonstrationen, während sie die massive, jahrzehntelange Verschlechterung ihrer Lebensqualität und die Kostenexplosion zulasten der Steuerzahler klaglos hinnehmen. „Stuttgart 21 spielt keine Rolle mehr“, jubelten Presse und Politik nach der jüngsten Wahl unisono. In der Tat: Über Stuttgart 21 wird in der Stadt so laut geschwiegen, dass es in den Ohren schmerzt. Als ob das Projekt mit seinen verheerenden Auswirkungen ganz einfach verschwinden würde, wenn man nicht mehr darüber spricht - eine merkwürdig infantile Haltung, die vom Ministerpräsidenten mitsamt seinen Regierungsparteien um des Machterhalts willen nach Kräften gefördert wird.
Die Geschichte von Widerstandsbewegungen geht leider selten gut aus - wie die Geschichte des Armen Konrads zeigt. Auch in Stuttgart sieht es derzeit nicht nach einem Happy End aus - wenngleich erstaunlich viele weiterhin zeigen, dass ihnen die Stadt, ihr Bahnhof und die Demokratie nicht gleichgültig sind. Werden die Schwaben sich ergeben in ihr Schicksal fügen oder werden sie noch einmal aufbegehren? Gründe, sich zu empören, gäbe es genug. Sie sind seit 2010 wahrlich nicht weniger geworden.

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