Gaza
Verhandeln statt Bomben
© Roland Hägele
Stuttgart, 20.7.2014, Red.
Auf dem Stauffenbergplatz in Stuttgart versammelten sich heute nachmittag um 15 Uhr friedensbewegte Menschen, um den 70.Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler zu gehen und über die aktuellen Konflikte in Israel/Palästina, Ukraine, Afghanistan u.a. zu reflektieren. Henning Zierock führte durch die Veranstaltung, in der auch der Historiker Dr.Gerhard Raff und der Journalist Franz Alt zu Wort kamen. Eine junge mutige Frau hielt eine bewegende Rede zur Lage in Gaza:
„Ein Mensch wird nicht nach seiner ethnischen Herkunft definiert, in die er hineingeboren ist, genau so wenig definiert die Staatsbürgerschaft den politischen, sozialen oder moralischen Standpunkt eines Menschen. Aus dieser Sicht möchte ich gegen das Aufrechterhalten des Konflikts appellieren und die Kriegstreiberei verurteilen.
Anfang des Monats schrieb der israelische Journalist Yuval Ben Ami: ‚Wer über all die Toten auf allen Seiten dieses Krieges trauert, steht heute vor einem vervielfachten Leiden, sowie einer sehr großen Angst‘. In diesem Konflikt stehen zwei Regierungen mit jeweils einer klaren Agenda, und Millionen von Menschen in Palästina, Israel uns auch im Ausland müssen die Konsequenzen dieser Agenden tragen. Im Nahen Osten und Europa wird das Leiden der Opfer dieses Konflikts mit dem Vorwand auf Selbstverteidigung herab gespielt. Man muss einsehen: die Tötung von Kindern, Zivilisten und Flüchtlingen - egal, welcher Herkunft - ist keine zulässige Strategie!
Wem von uns, Palästinensern oder Israelis, Juden oder Muslimen, säkular oder religiös, nutzt diese oder jede andere der militärischen Offensiven der letzten Jahre? Alle ein, zwei Jahre führt Israel Krieg in Gaza, statt Verhandlungen mit der Hamas zu beginnen. Abgesehen davon, dass es verwerflich ist, sich mit dem Tod Unbeteiligter zu schützen, - wann hat diese Taktik im Nahen Osten etwas anderes gebracht außer mehr Hass und mehr Leiden, als hätten davon nicht beide Seiten schon genug? Es dient der Aufrechterhaltung des Hasses und Rassismus’, der einmal in einer Weile seine Wut ausüben muss. Israel versteht sich als moralisch, aber das bisherige Vorgehen steht dazu in eklatantem Widerspruch.
Das Aufklärungsministerium der israelischen Regierung fragt Europa in Bildern und Filmen, was man machen würde, wenn Raketen auf Berlin oder Paris geschossen würden. Ich frage hier: Was würdet Ihr tun, wenn in 12 Tagen 256 Menschen durch Luftangriffe getötet würden? Wenn Ihr am ersten Tag der Bombenangriffe 28 Leichen zählen würdet? An dieser Stelle rufe ich zu Solidarität mit den Bewohnern Gaza’s auf.
Keine der Seiten verhält sich friedlich, jedoch muss man von Israel als einem Staat eine angemessene Vorgehensweise verlangen. Nur Frieden kann Israelis und Palästinensern Sicherheit geben. Eine verantwortliche politische Führung beider Seiten kann nur diesen Weg gehen.
Ich möchte hier betonen: Es bringt keinen Nutzen, darüber zu diskutieren, wer diesen Konflikt angefangen hat. Allein durch diplomatische Verhandlungen unter realistischer Zielsetzung und auf der Basis gegenseitiger Kompromissbereitschaft ist Frieden im Nahen Osten möglich. Voraussetzung dafür sind Empathie und Verständnis für die Geschichte des jeweils Anderen. Diese Voraussetzungen werden jedoch durch die ständigen Kriege systematisch zerstört.
Die Palästinenser sind nicht alleine mit ihrem Ruf nach Freiheit. Israelis sind nicht immer Befürworter der israelischen Angriffe auf Palästina und auch nicht immer Juden, und Juden sind nicht immer Israelis. Lasst uns diese Mauern abbauen und zusammen laut und klar für Frieden und Koexistenz Israels und Palästinas appellieren.
Der Wert Israels darf nicht höher bewertet werden, als der Palästinas. Ich kann für viele linke Israelis, Sekuläre, Juden, Muslime und Christen sprechen, wenn ich sage: Wir weigern uns, Feinde zu sein.
Den Kampf gegen den Krieg müssen wir, Israelis und Palästinenser, gemeinsam führen. Die meisten Israelis, die Israel verlassen, wollen das Festhalten an den alten Methoden nicht mehr unterstützen. Die Linke wird nicht nur durch die Propaganda innerhalb Israels geschwächt, sondern auch durch den undifferenzierten Umgang in Europa. Angriffe auf Juden oder jüdische Symbole, wie das Verbrennen von Flaggen oder das Anzünden von Synagogen sind kein legitimer Protest, sondern Antisemitismus. Und nicht zuletzt spielt es direkt den rechten Kräften in Israel in die Hände.
Am 11. Juli diesen Jahres hat eine Demonstration gegen die erneute Offensive in Tel Aviv stattgefunden. Hunderte linke Israelis protestierten gegen die von der israelischen Führung autorisierten Angriffe auf Palästinenser in der Westbank und in Gaza. Dort erschien dann ebenfalls eine größere Zahl Rechtsradikaler, die teilweise mit Schlagwaffen bewaffnet waren und T-Shirts mit dem Aufdruck „good night left side“ trugen. Die Linken wurden verjagt, manche mussten in Krankenhäusern behandelt werden und die Demo wurde aufgelöst. Obwohl die Namen der Rechtsradikalen bekannt sind, wurde keiner von ihnen festgenommen. Dieses konkrete Beispiel ist kein Einzelfall. Gestern wiederholte sich dasselbe in Haifa.
Nicht nur die Zahl der Rechtsextremen nimmt zu, sondern auch ihr Selbstvertrauen, ihre Gewaltbereitschaft und Vernetzung. So schrieb der rechte Rapper Yoav Eliassi „der Schatten“ auf Facebook: (Zitat) „Meine Löwen, ich serviere euch heute zum Abendessen linkes Fleisch“. In diesen wachsenden Kreisen ist es kein Tabu mehr, die Verhaftung von Linken und die Aberkennung der israelischen Staatsbürgerschaft zu fordern, oder persönliche Daten Linker zu veröffentlichen, um sie einzuschüchtern und mundtot zu machen. Seine extremste Form fand dies in der Forderung einer bekannten Person, die Linken in Gaskammern zu schicken.
Die israelische Linke hat vor der Radikalisierung der israelischen Gesellschaft gewarnt und warnt weiterhin vor den gefährlichen Zügen, die die israelische Gesellschaft unwiederbringlich zu verändern droht. Ich rufe hier offen und deutlich zu einer unbedingten Solidarität mit der israelischen Linken bei ihrem Kampf um die israelische Vernunft auf, und appelliere an das Verantwortungsbewusstsein insbesondere der internationalen Linken.
Zuletzt möchte ich den Text des israelischen Journalisten Yuval Ben Ami verlesen. Er wurde im Juni veröffentlicht und richtet sich ursprünglich an Israelis: „Einmal mehr bringen diese Palästinenser die Dinge durcheinander. Ein Mann wurde gerade durch scharfe Munition in meiner Nachbarschaft verletzt, schreibt mein Freund Azzam Salami auf Facebook, kurz bevor die Sonne aufgeht. Tatsächlich war dieser Mann kein Mann, sondern ein 13jähriges Kind namens Muhammad Jihad Dudayn, und er wurde nicht verletzt, sondern getötet. Ich stehe heute morgen auf und die gesamte Nacht Dura’s wird vor mir ausgebreitet in Azzams lakonischem Status. Er berichtet von einer Explosion um 2 Uhr morgens, gefolgt von einer weiteren. In diesen frühen Morgenstunden fragt er sich, ob es noch irgendeinen israelischen Soldaten gibt, der sich noch nicht in seiner Stadt aufhält. Er beschreibt, wie es brennt, und einige Stunden später, dass es immer noch brennt. Dann kommt der Tod, und dann der Morgen, aber es ist noch nicht vorbei. 47 Jahre lang war es nie zu Ende, und unsere Vorstellung davon wurde weggekratzt. Wir sind nicht mehr länger dazu in der Lage uns vorzustellen, was eine Mutter in Dura in einer Nacht wie dieser durchlebt. Was ein Kind durchlebt, in so einer Nacht. Wie viel Elend brachte der Morgen mit sich, als der Schaden sichtbar wurde. Wir sind ein Volk, das denkt, wir seien in einer Hollywoodrealität mit Goodguys und Banguis, Menschen gegen Zombies. Wir können die entführten (Juden) sehen, nicht aber die toten Palästinenser. Wir können nicht das große Bild sehen, darum ist unser Schicksal besiegelt. Dura hatte keine Nacht, und wir haben keine Zukunft.“