Ein planloser Tunnel wird getauft
Feierlichkeiten zur Tunneltaufe auf den Fildern
Foto:©Roland Hägele

Stuttgart, 11.7.14, L.K.
Es ist der 10.7.14, der Tag der Tunneltaufe, dem die Befürworter des Bahnprojekts mit Frohlocken entgegengesehen haben dürften - endlich können neue Fakten geschaffen und dem Projekt der Anstrich von aktivem Baufortschritt verliehen werden. Noch ist nicht klar, wie er ans Schienennetz angeschlossen werden soll und die Unterfahrungsrechte hat die Bahn auch noch nicht. Ungeachtet dieser kleinen Störfaktoren eilen die geladenen Gäste ab 8 Uhr morgens freudig erregt durch das Polizeispalier und lassen sich die Vorfreude auf den Festakt durch den Protest und die „Lügenpack“-Rufe der Demonstranten nicht verderben. Besonders freudig erregt ist ein Herr, der die Ehre hat, den Blumenstrauß für die Tunnelpatin Tülay Schmid zum Festzelt tragen zu dürfen, seiner erkennbaren Euphorie können die S21-Gegner ganz und gar keinen Abbruch tun.
Die Gegner veranstalten als Persiflage auf die Taufe, die im hermetisch abgeriegelten Baustellenbereich stattfindet, einen alternativen Gottesdienst, dargestellt von Menschen, die in schwarze Kutten gehüllt sind und einer überlebensgroßen Figur, die den segnenden Pastor darstellt, der im Festzelt einen Gottesdienst abhält.
Einer der Protestierenden hat seinen Hund mitgebracht und macht mit ihm einen Spaziergang durch den angrenzenden Wald; dort wird er von Polizisten angehalten, seine Personalien werden kontrolliert und er erhält einen mündlichen Platzverweis, da das gesamte Gebiet während der Tunnel-Feierlichkeit „Gefährdungsgebiet“ ist. Es sind - wie so oft bei solchen Veranstaltungen - mindestens so viele Polizisten wie Demonstranten vor Ort, und man fragt sich, wie es denn überhaupt sein kann, dass die Einweihung einer Baustelle mit solch einem massiven Polizeiaufgebot gesichert werden muss. Zumal S21 laut Herrn Grube ein „Geschenk an die Bürger der Stadt“ ist, ist es doch verwunderlich, weshalb dieses Geschenk nur gegen vehementen, nachdrücklichen Widerstand dargebracht werden kann. Es liegt wohl daran, dass dieses Geschenk mehrere Haken hat, nicht zuletzt den, dass die Beschenkten die rapide steigenden Kosten dafür selbst bezahlen müssen. Die Stadt wird über eine unabsehbare Zeit hinweg in eine große Baustelle verwandelt, unzählige Lkws werden den Aushub Tag für Tag aus der Stadt karren und die Luft noch viel mehr verpesten, als sie es sowieso schon ist, und am Ende kommt ein leistungsschwächerer Bahnhof mit mangelhaftem Brandschutz heraus, den sich kein Bahnreisender wünschen kann.
Für Bedenken dieser Art haben die geladenen Gäste indes keinen Sinn, winkt ihnen doch satter Gewinn durch die ausufernden Bauarbeiten und die freiwerdenden Bauplätze auf dem Gleisvorfeld im Herzen von Stuttgart. Kann man ja auch verstehen - was soll man sich mit kleinlichen Problemen wie Gipskeuper, Bahnhofskapazität, Gefährdung der Mineralquellen und Milliardenverschwendung beschweren, wenn doch so leicht verdientes Geld mit diesem Projekt zu machen ist. Entsprechend hämisch und siegesgewiss gebärdete sich auch so mancher Gast den Demonstranten gegenüber, während er dem Festakt entgegeneilte. Es ist zu hoffen, dass diese Verantwortlichen auch zur Verantwortung gezogen werden, wenn sich zeigen sollte, dass der Untergrund eben nicht so einfach zu beherrschen ist, wenn Häuser im Tunnelbereich wegen des quellenden Gipskeupers in die Höhe gedrückt werden, wenn die Kosten ins Unermessliche steigen.
OB Kuhn (Grüne) betonte bei seiner Festrede, er respektiere die Beschlüsse der Parlamente und das Ergebnis der Volksabstimmung, denn wenn die Mehrheitsmeinung nicht mehr gelte, sei die Essenz unserer Demokratie gefährdet. Auch Bahnchef Grube sieht sich in der Verantwortung der Bevölkerung gegenüber, die das Projekt S21 mehrheitlich wolle. Würde man es mit der Verantwortung tatsächlich so genau nehmen, hätten von Beginn an die Kosten wahrheitsgemäß auf den Tisch kommen müssen, stattdessen werden sie im Stil einer Salamitaktik immer erst dann nach oben korrigiert, wenn man sie nicht länger geheim halten kann. Zudem war damals die Finanzierung zumindest scheinbar geklärt, während sich heute die Kosten enorm erhöht haben und ihre Finanzierung unklar ist. MP Kretschmann hat deutlich betont, dass das Land keinen Cent mehr als vereinbart bezahlten wird. Verantwortung liegt vor allem bei Denjenigen, die die Wahrheit kennen, und in diesem Fall kannten Bahn und Land die realen Probleme und Kosten schon lange, bevor die Gegner sich all dieses Wissen aneigneten. Verantwortungsvolles Handeln hätte dieses Milliardenprojekt früh begraben und eine sinnvolle finanzierbare Alternative für den Stuttgarter Hauptbahnhof erarbeitet.
Die Zukunft könnte den Gegnern dieses Projekts Recht geben, die explodierenden Kosten, die unzähligen vorhersehbaren Schäden an Gebäuden, die immensen dauerhaften Instandhaltungskosten könnten tatsächlich eintreten, aber bis dahin wird viel Geld in die Taschen der Macher geflossen sein, sie werden dann längst nicht mehr im Amt, sondern im Ruhestand oder gestorben sein, und niemand wird dann die Verantwortung übernehmen für das Fiasko, das mit diesem größenwahnsinnigen Projekt angerichtet wird.
Auch Herr Kuhn weiss, dass der Volksentscheid auf sehr fragwürdige Weise zustande kam, die Befürworter für S21 hatten einen Millionenetat für ihre Werbung zur Verfügung und suggerierten der Bevölkerung, ein Ausstieg käme teurer als der Bau des unterirdischen Bahnhofs. Dass dies nicht der Wahrheit entspricht, dürfte selbst den Befürwortern fraglos klar sein. Die Grünen wurden 2011 mit dem klaren Wählerauftrag in den Landtag von Baden-Württemberg gewählt, dieses Projekt zu stoppen, keinesfalls mit dem Auftrag, es „kritisch zu begleiten“, wie MP Kretschmann das Umfallen der Grünen gern schönredet. Auf einer der Montagsdemos vor der Landtagswahl 2011 versicherte er den Gegnern vollmundig, die Grünen würden S21 erbittert bekämpfen, davon war nach der Wahl nicht mehr die Rede. Da war es wichtiger, eine Koalition mit der Befürworter-Partei SPD hinzukriegen und an die Regierungsmacht zu kommen.