Die Stadtzerstörung schreitet voran
Was ist nur aus unserer schönen Stadt geworden!
Foto:©Roland Hägele

Stuttgart, 9.7.2014, L.K.
Bausünden wurden in Stuttgart in den letzten Jahrzehnten reichlich begangen, die einstmals schöne Königstrasse, die zahlreiche alte individuelle Bauwerke aufzuweisen hatte, sieht längst aus wie jede x-beliebige Fußgängerzone in jeder x-beliebigen Stadt, nur der Schlossplatz und ein paar wenige alte Gebäude geben ihr noch ein persönliches Gesicht, das sie von anderen Städten unterscheidet. In der Nachkriegszeit wurden die Baulücken, die der Krieg geschaffen hatte, mit billigen einheitlichen Mehrfamilienhäusern gefüllt, was in Anbetracht der damals herrschenden Umstände nachvollziehbar und sinnvoll war, die aber nie schön anzusehen waren. Die schlimmsten Bausünden wurden aber in den letzten 20 Jahren begangen - Betonklötze, Glasfassaden, kalte, unpersönliche Architektur wurde bevorzugt, der Flair, den die Stadt einmal hatte, wurde konsequent zerstört. Trotzdem hatte sich Stuttgart in vielen Ecken eine gemütliche, eher kleinstädtische Behaglichkeit bewahrt und die großspurigen Bauten nahmen sich eher fremd und fehl am Platz aus, sie gefielen nicht, konnten aber notgedrungen hingenommen werden.
Nun wurde ein neues Kapitel der Stadtzerstörung aufgeschlagen, das das Bild und den Charakter der Stadt nachhaltig verändert und regelrecht schändet: blaue Wasserrohre überall, Baustellen über die gesamte Stadt verteilt, ein Großprojekt wird begonnen, von dem man heute schon weiß, dass es eine Verschlechterung der Infrastruktur und einen wirtschaftlichen Unsinn bedeutet. Hinter dem Bahnhof stehen jetzt schon die gläsernen Prachtbauten der Banken, flankiert von Luxus-Wohnungen, alles selbstverständlich weiträumig video-überwacht. Was für eine Stadt! Geht man zwischen diesen Glaspalästen hindurch, fühlt man sich wie eine Ameise, die sich in unbekannten, unwirtlichen Schluchten verirrt hat, und genau das ist wohl auch der Sinn dieser kalten unpersönlichen größenvernarrten Architektur: sie vermittelt dem Betrachter die Allmacht derjenigen, die in diesen Palästen herrschen und die Fäden der Macht in der Hand halten.
Um den Bahnhof herum gibt es Baugruben, Straßensperrungen, Umleitungen, Bauzäune - Reisende müssen lange Wege zu ihren Zügen in Kauf nehmen, die Geschäfte, die früher im Bahnhof ansässig waren, sind geschlossen und das Ambiente ist geprägt von Provisorium und Baustelle. Alte Menschen können sich in diesem Teil der Stadt nicht mehr zurecht finden, ihre gewohnten bekannten Wege und Gebäude gibt es nicht mehr und die Orientierung in dem Umleitungsgewirr fällt ihnen schwer. Es macht sich ein Gefühl von innerer Entwurzelung breit in mir, wenn ich mir diese Stadt heute ansehe. Das ist nicht mehr die Stadt, in der ich mein ganzes Leben verbracht und in der ich mich immer daheim und aufgehoben gefühlt habe. Diese Stadt wird immer fremder und unpersönlicher, und das liegt nicht allein an den Gebäuden und Baustellen, die immer größer und befremdlicher werden, sondern ganz maßgeblich daran, dass sie im Geiste einer Profitgier gegen das Wohl der Bevölkerung durchgedrückt werden, die mir ganz ungeheuerlich erscheint.
Der Schwabe ist ja nun beileibe nicht rückständig oder dem Fortschritt abgeneigt, das beweist schon alleine die florierende Wirtschaft, die im Schwabenland betrieben wird. Er weiss wirtschaftliche Vorteile durchaus zu schätzen, er ist weltoffen und moderner Architektur im Grunde zugeneigt. In Stuttgart hat sich jedoch die unvernünftige Profitgier Bahn gebrochen, unvernünftig insofern, als sie nur dem Profit einiger Weniger dient, nicht dem Gemeinwohl. Das hinterlässt ein entfremdetes, entwurzeltes Gefühl in den Menschen, denen diese Stadt Heimat ist.
Auf der 228. Montagsdemo sprach der SÖS-Stadtrat Hannes Rockenbauch über dieses Thema und kam zu dem Schluss, dass unsere Stadt im Interesse von Industrie und Gewinnen so massiv verändert wird. Dies bringt jedoch keinen Gewinn an Lebensqualität für die Bürger mit sich, sondern ist eine Zerstörung unserer Heimat. Überall in Stuttgart mussten alte Häuser neuer Architektur weichen - meist mit Wohnungen, die für Normal- und Geringverdiener nicht mehr finanzierbar sind -, und viele Stuttgarter haben im wahrsten Sinne ihre Heimat verloren, weil die Häuser, in denen sie aufwuchsen, die ihnen altvertraut und bekannt waren, nicht mehr existieren. Natürlich müssen in jeder Stadt Sanierungsarbeiten stattfinden und manchmal ist es sinnvoll, dass alte Gebäude Neuem weichen - in Stuttgart hat das jedoch ein übergroßes Ausmass angenommen und dient selten der Verbesserung der Lebensqualität der Bürger, sondern einzig dem Profit.