Die Verhaftung von Eugen Bolz
„Du wirst sehen, ich komme nicht zurück“.
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Hotel Silber
Am 19. Juni 1933 wurde Eugen Bolz, der seit 1928 bis zur Machtübergabe an die Nationalsozialisten Staatspräsident und Innenminister in Württemberg war, von der politischen Polizei vorgeladen.

Seine Verhaftung markiert einen Wendepunkt im öffentlichen Auftreten der politischen Polizei, die im ehemaligen Hotel Silber in der Dorotheenstraße 10 residierte: Ein ehemals hoch geachtetes Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, ein führender Repräsentant des demokratischen Württemberg, wurde aufgrund seiner politischen Haltung verhaftet, öffentlich vorgeführt und von einer Menschenmenge vor der Polizeizentrale mit Unrat beworfen. Die Regeln des zivilisierten Umgangs wurden wie die Grundrechte der Weimarer Verfassung bei dieser Schauverhaftung bewusst sichtbar außer Kraft gesetzt. Auch wenn das öffentlichkeitswirksame „aufgebrachte Volk“ zu diesem Anlass wohl aus gedungenen parteinahen Krawalleuren bestand, zeigte sich hier deutlich in der Öffentlichkeit, wie die neue Staatsmacht mit denen umgehen würde, die sich ihr nicht unterwarfen.

Etwas weniger inszeniert, aber dafür umso brutaler vollzog sich nach und nach an diesem Ort mitten in der Stadt und vor den Augen der Stadtbevölkerung die Verhaftung zahlloser Gewerkschafter, Angehöriger religiöser Gemeinschaften, Kommunisten und anderer den Nationalsozialisten missliebiger Gruppen und Einzelpersonen. Der Verhaftung und dem Verhör in der Gestapozentrale, dem ehemaligen Hotel Silber, folgte in den meisten Fällen die Deportation in ein Arbeits- oder Konzentrationslager. An den Schreibtischen im ehemaligen Hotel Silber saßen aus dem Polizeidienst übernommene Beamte, Angestellte und juristen im Dienst der Gestapo, deren Zuständigkeitsbereich sich über ganz Württemberg-Hohenzollern erstreckte.

Der Staatsterror wurde von hier aus offen und für jedermann drohend sichtbar ausgeübt. Sogenannte „Schutzhaft“ als „präventive polizeiliche Maßnahme“ (die Gefangennahme und Folter und Deportation von Menschen nur aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppierung oder aufgrund einer vagen Anschuldigung) funktionierte mit Unterstützung eines ausgedehnten Heers von Spitzeln und Denunzianten in der Bevölkerung. Hier liefen die Fäden der Überwachung und des Terrors zusammen.

Eugen Bolz wurde nach seiner Verhaftung 1933 ins Gefängnis auf dem Hohenasperg gebracht und dort bis zum 12. Juli 1933 festgehalten. Aufgrund seiner Verbindungen zu der Widerstandsgruppe des 20. Juli um Carl Friedrich Goerdeler wurde er aber 1944 erneut verhaftet und am 23. Januar 1945 in Berlin hingerichtet. | Fritz Endemann | Richter i.R. |