Kultur
Früher Morgen
Eugensplatz

Früher Morgen, ganz früh. Über uns, ein paar Steinwürfe weit, der Eugensplatz. In den dunklen Baumkronen der Kastanie erste Helligkeit. Ein wenig rau der Morgen und eine leichte Feuchtigkeit in der Luft. Das ist meine Stunde.

Ich trete vor die Tür. Frische, klare Luft empfängt mich. Die gute Luft zwischen Neckartor und Charlottenplatz. Ein wenig erinnert mich die Frische an den alten Skoda von Vaclav Reischl, mitunter auch an den Wodka Weckerlin.

Dann höre ich es, erst leise, dann stärker werdend: Ein vertrautes Summen, ein dunkles Brausen. Eine Ahnung von Meer. Meer? Nein. Der Wagenburgtunnel, die Konrad-Adenauer-Straße da unten. Und der Landtag, drohend in seiner Schwärze, fast etwas abgestanden im Herbst der Stadt wie die liegengelassenen Äpfel der Streuobstwiesen am Flughafenrand in Plieningen.

Über mir starren die nächstlichen Äste der Keifern, schwarz-weiß und leicht schon in den Himmel gemalt. Einzelne Wolkenstreifen jetzt, von der Ahnung kommenden Lichts berührt. Hinaustreten also zu dem baldigen Singsang der Vögel, meiner Rothkehlchen und Meisen, ja, der friedvollen Tauben. Es ist meine Zeit. Es ist die Zeit, mit der ein wenig gehbehinderten Zeitungsfrau, die eine Nacht lang vielleicht auf diese Stunde gewartet hat, ein paar Worte zu tauschen, den Morgengruß, die Frage nach dem Wetter. Na, sage ich, als sie heran ist aus der Dunkelheit, na, sage ich, wieder mal zu spät dran? Ich will meine Zeitung pünktlich haben.

Wenige Monate noch, dann treiben die Knospen. Ich rede mit ihnen. Nicht nur, weil ich immer noch der leisen, heiteren Meinung bin, der ich als Kind war: Sie könnten hören, was ich sage! Und sie gäben mir auch eine Antwort, wenn ich nur achtsam genug aufmerkte, sondern auch deshalb, weil ich in den Knospen meinesgleichen sehe: Ein Wesen aus dieser Welt, die Blume als Nachbar, die Knospe wie ich ein Stück Natur. Es sind wunderbare Gedanken an diesem Morgen. Die Zeitungsfrau antwortet nicht.

Nicht ohne Schärfe muss ich ihr sagen:

Ich will meine Zeitung pünktlich haben, das kapieren sie wohl nie? Verdammte Scheiße.

Ich lese die Süddeutsche. Ein liberales Blatt, wie ich.

Peter Grohmann