S21 gegen die Bürger durchprügeln
Eine von Tausenden
Hunderte Klicks, stundenlang. Jedes Foto, jedes Video, jede Bildergalerie, die im Netz steht. Bei jeder neuen Meldung aus dem Bundestag, aus dem Landtag, aus irgendwelchen Polizeipräsidien. Bei jeder neuen Behauptung, die versucht zu verwischen, was war. Bei jedem Stein, jeder Kastanie, die geflogen sein soll. Es soll endlich aufhören. Keine Rippe ist gebrochen, die Augen nicht verloren, ein paar blaue Flecken, Schatten am Oberarm, morgen schon weg.

Doch sie poppen immer wieder auf. Bilder von blutenden Gesichtern, zerrissenen Planen, Wassermassen. Schwarze Handschuhe, schwarze Stiefel, die in Rücken und Nieren treten, schwitzende Gesichter unter den Visieren. Sie schieben, zerren, knüppeln Schüler vor sich her. Einer zieht Pfefferspray aus seiner Uniform. Neben ihm fliegt ein Mädchen durch die Luft. Sie drehen den Arm einer Schülerin um, jemand brüllt: Aufhören. Sie packen ein Kinn, verdrehen einen Kopf. Ein kurzer Schlag ins Gesicht, dann greifen sie zu, werfen Kinder, Frauen und Männer in die am Rand stehende Menschenmenge.

Die Augen brennen, nasse Hände greifen nach einer Plane, spannen sie über immer mehr Köpfe. Wasser peitscht. Ein Mädchen fragt ein anderes, ob sie noch in den Kunstunterricht zurück müssen. Das Pfeffer breitet sich aus, im Hals, die Augen fangen an zu brennen, sehen nur noch klatschnasse T-Shirts, baumelnde Handtaschen, klimpernde Ohrringe. Ein Mädchen ist in Ballerinas gekommen. Vierzehn, sechzehn. Kann gut sein, dass sie jünger ist. Die Luft ist weg. Im Biergarten schlitzen Wassermassen Sonnenschirme und Markisen auf, Polizisten drücken Absperrgitter gegen Knie, Bäuche und Hände, die sie aufhalten wollen. Ein Mann reißt die Arme hoch, droht einem Polizisten mit der Faust: Er soll die Hand runter nehmen, ruft jemand erschrocken. Er dreht sich um, aufgebracht, lässt die Hand sinken und sagt leise: Danke.

Mitten im Gebüsch zwischen ZOB und Park ist der Zaun aufgeschnitten. Für Baufahrzeuge, Sägen, Kräne. Keine Ahnung. Elf ketten sich aneinander, setzen sich vor den zerschnittenen Zaun. Der Wasserwerfer kommt immer näher, ein paar Minuten später stehen die ersten Beamten schon vor der Blockade. Der Bolzenschneider schnappt von hinten zu. Die Ketten sind sofort durch. Ohne Aufforderung, ohne Worte zerren sie die Frauen und Männer hoch, werfen sie vors Gebüsch, reihen sich hinter ihnen auf. Stiefel und Schienbeinpanzer bohren sich in ihre Rücken, sie quetschen Oberarme, reißen an Ohren. Sie treten, schieben, und dann sprühen sie. Mitten ins Gesicht. Es brennt. Immer mehr. Die Augen gehen nicht mehr auf. Jemand gießt Wasser über die Augen. Die Augen müssen auf. Macht die Augen auf, ruft jemand. Alles verschwimmt, weinende Menschen, immer mehr Pfeffer läuft in die Augen, immer mehr Wasser klatscht ins Gesicht. Es hört nicht auf zu brennen. Das Spray hängt in den Haaren, im Gesicht, läuft immer wieder in die Augen, die Hände hören nicht auf zu brennen. Die ganze Nacht.                                                                                    Gesine Kulcke