Aktion gegen S21
Schlossgarten mit Zelten verteidigt

Vor zwei Wochen machten plötzlich kleine gelbe Flyer ohne Absender die Runde: Vom 26. auf den 27. Juni soll im Schlossgarten gezeltet werden. Und tatsächlich: Am frühen Samstagabend stehen knapp zwanzig bunte Zelte neben dem Widerstandsbaum. Fünfzig Stuttgart21-Gegner von Robin Wood, den Parkschützern und andere freie Aktivisten sind mit Sack und Pack in den Park gekommen, um hier die Nacht zu verbringen: "Das ist der Anfang" , erklärt Christian (21) von Robin Wood. "Die Aktion kündigt an, dass wir bereit sind, die Bäume aktiv zu verteidigen. Heute bleiben wir nur eine Nacht. Aber wir kommen wieder."

Davon ist auch Charles B. (55) überzeugt und verspricht als Parkschützer aktiv Widerstand zu leisten: "Auch im Winter, wenn es hart wird. Hier sollen mehr als 200 Bäume, die zwei Weltkriege überlebt haben, ohne große Not gefällt werden. Und das in einem Stadtgebiet mit der höchsten Luftbelastung. Schulen können nicht renoviert werden, KiTa-Plätze fehlen." Die Zeltaktion ist nicht angemeldet. Provokant findet Charles B. das nicht. Ihn provoziert vielmehr die 550.000 Euro teure Werbekampagne der Stadt: "Es wird zum Dialog eingeladen, nachdem alles festgelegt ist. Was ist das für ein seltsamer Dialog?"

Die ersten zwei Polizeibeamten werden noch zum Essen eingeladen: Robin Wood hat große Alutöpfe für eine Volxküche ausgeliehen und Gemüsespenden gesammelt."Wir brauchen mehr Küchenmesser", erklärt eine ältere Dame, die sich den jungen Aktivisten sofort anschließt und beim Kohlrabi und Karotten schneiden hilft. Doch während im Landespavillon lautstark das Spiel Ghana gegen die USA übertragen wird, fordert die Polizei bereits Verstärkung an. Hinter dem Landespavillon tauchen drei Mannschaftswagen auf, neben dem Planetarium zwei weitere. Während die Stuttgart-21-Gegner noch mit dem Einsatzleiter verhandeln, rücken etwa zwanzig Bereitschaftspolizisten an. Für den Einsatzleiter scheint keine Gefahr von den friedlich protestierenden Aktivisten auszugehen, denn er duldet die Versammlung und verlangt ausschließlich den Abbau der Zelte. Trotzdem filmt und fotografiert die Polizei.

Dann die Durchsage: "Ich gebe Ihnen zehn Minuten, um die Zelte zu räumen." Zwei, drei Leute packen ein, der Rest bleibt, bis die Einsatzgruppe selbst Hand anlegt und ein Zelt nach dem anderen abräumt. Während die Camper unterstützt von mehr als fünfzig Schlossparkbesuchern mit einer Sitzblockade und friedlichen Protestgesängen versuchen, ein letztes Zelt zu verteidigen, drängt sich der Einsatztrupp durch die Blockade und reißt die Heringe aus dem Boden. Ihre Zelte könnten sie am Montag im Polizeirevier Wolframstraße 36 abholen, erklärt die Polizei. Wer sein Zelt abholt, muss sich allerdings ausweisen und die Kosten für die Beschlagnahmung selbst tragen.

Die Gegner harren bis in den Morgen aus. Sie schlafen unter freiem Himmel, ständig beobachtet von der Polizei, die kurz nach Mitternacht plötzlich meint, auch noch einen improvisierten Unterstand aus Decken und Holzstangen räumen zu müssen. Doch ein Zelt ist ein Zelt und eine Decke eine Decke. Der Unterstand bleibt.

Gesine Kulcke