36. MontagsDemo gegen Stuttgart 21
Stuttgarter BürgerInnen besetzen Ihren Bahnhof
Die 36. Montagsdemo gegen S21 vor dem Nordausgang des Stuttgarter Hauptbahnhofs wurde von der Nachricht bereichert, dass es einigen Aktivisten gelungen war, durch eine unverschlossene Tür in den zum Abriss bereitgestellten Nordflügel einzudringen und ihn friedlich zu besetzen. Sie waren durch eine unverschlossene Tür in die leerstehenden Räume gelangt und öffneten von innen die Fenster im 1. Stockwerk. Über Leitern kletterten 50 weitere BesetzerInnen auf ein Vordach und von dort durch die Fenster in das Gebäude. Unter dem Jubel der ca. 4000 anwesenden DemonstrantInnen hängten sie Banner aus den Fenstern, u.a. mit der Aufschrift „Gegen unsere Lebendigkeit seid ihr machtlos“ und „S21 ENTERN“. Die Menge vor dem Gebäude skandierte „Wir bleiben hier“, „oben bleiben“ und „Schuster verhaften, Mappus verhaften“. In friedlicher, aber entschlossener Haltung stellten sich die S21-Gegner auch dem großen Polizeiaufgebot, das anrückte, zunächst aber nur Präsenz zeigte. Es entspannen sich lebhafte Diskussionen zwischen den DemonstrantInnen und der Polizei, in deren Verlauf sich vielfach zeigte, dass auch Polizisten eine eigene Meinung zu den Vorgängen um S21 haben - auch wenn sie diese im Dienst nicht äußern dürfen und sich auch hüten, das zu tun. S21-GegnerInnen hielten den PolizistInnen entgegen, dass sie sich mit diesem Einsatz gegen den Großteil der Stuttgarter Bevölkerung wenden. Immerhin werde das Gehalt der PolizeibeamtInnen von den Steuerzahlern finanziert. So kam es dann auch zu Sprechchören wie „Wem gehört die Polizei? - Uns gehört die Polizei!“ und - mit Hinblick auf die Montagsdemo - „Gebt der Polizei montags frei!“ Obwohl die Montagsdemo bereits um 18 Uhr begonnen hatte, harrten viele Menschen stundenlang in immer wieder strömenden Regengüssen vor Ort aus und waren entschlossen, sich der Räumung des besetzten Bahnhofs entgegenzustellen. Auch als die Polizei die DemonstrantInnen zwei Mal ultimativ aufforderte, die Örtlichkeit zu verlassen, wurde dies mit Sprechchören „Wir bleiben hier“ quittiert. Unter den Besetzern war auch der SÖS-Stadtrat Hannes Rockenbauch. Er verkündete per Megaphon, dass es sich um eine friedliche Besetzung und eine Notwehrhandlung der BürgerInnen handelt, die sich von der politischen Willkür zu diesem Handeln gezwungen sehen. Obwohl noch längst nicht an einen wirklichen Baubeginn gedacht werden kann, soll der Abriss des denkmalgeschützten Nordflügels des Bonatzbaus ohne jede Notwendigkeit, aber in wohlbegründeter Hast schon Anfang August in Angriff genommen werden. So wollen die Politiker von CDU, SPD und FDP und wohl nicht zuletzt auch die Immobilien-Investoren, die sich hier satte Profite versprechen, vermeintlich unumkehrbare Fakten schaffen. Sollte Ihnen dies gelingen, würde neben etlichen Milliarden auch die deutsche Demokratie in der Stuttgarter S21-Bau-“Grube“ begraben! Gegen 23 Uhr begann die Polizei dann doch mit der Räumung des Bahnhofflügels. Diese verlief zum größten Teil friedlich. Die Kosten für den Einsatz sollen auf die Besetzer umgelegt werden. Um diese nicht zu gering ausfallen zu lassen, wurden am heutigen Dienstag drei auf dem Vordach des Gebäudes liegen gebliebene Alu-Leitern mittels Feuerwehreinsatz aus einer Höhe von ca. 3,50 m geborgen! Wie heute bekannt wurde, erhöhen sich die Kosten für die geplante Hochgeschwindig-keitsstrecke Stuttgart - Ulm laut einer Neuberechnung um ca. 50 % auf 2,89 Milliarden (!) Euro. Ministerpräsident Mappus (CDU) und sein wackerer Mitstreiter Bahn-Chef Grube halten diese Kosten jedoch für durchaus angemessen, zumal das Land Baden-Württemberg sich ja bis zu 950 Mio. Euro daran beteiligt. Diese Beteiligung hatte der frühere Ministerpräsident Öttinger (CDU), der inzwischen in Brüssel untergetaucht ist, aus nicht ganz uneigennützigen Gründen zugesagt (siehe Stern-Bericht v. 8.7.2010). Die S21-GegnerInnen sind sich einig: Der Widerstand geht weiter - jetzt erst recht! DAS IST UNSERE STADT! Liane Krusche