Abriss des historischen Nordflügels am Stuttgarter Hbf
Vandalismus unter schwerem Polizeischutz!
Gegen 13.30 Uhr am Mittwoch, 25.8.10, fuhr ein schweres Polizeiaufgebot am Nordflügel des Bahnhofs auf und stellte einen zweiten Sicherungszaun vor dem eigentlichen Bauzaun auf. Dazwischen postierten sich die Polizisten - gemeinsam mit den Sitzblockierern, dies sich vor der Baustelleneinfahrt bereits zuvor eingerichtet hatten. Per Telefon-Alarm und Rundmails wurden die GegnerInnen des Projekts über diesen massiven Polizeieinsatz informiert und strömten binnen kurzer Zeit zahlreich aus allen Ecken der Stadt zum Ort des Geschehens. Entsetzt mussten sie mit ansehen, wie sich der Greifer des großen Abrissbaggers in die Fassade schlug und sein Zerstörungswerk begann. Vielen kamen die Tränen, viele waren außer sich vor Wut. Obwohl die Macher von S21 versichert hatten, die Fassade würde sorgfältig Stockwerk für Stockwerk abgetragen und die Steine aufbewahrt, wird nun alles zu Klump geschlagen. Bei der gewaltsamen Durchpeitschung dieses Projekts jagt eine Lüge die andere, und die Verantwortlichen schämen sich offenbar nicht einmal dafür, sondern lügen dreist immer weiter. Spontan besetzten die Demonstranten die Heilbronner- und die Schillerstrasse sowie die Einfahrt zum Wagenburgtunnel und lösten damit über lange Stunden hinweg einen Verkehrskollaps in und um Stuttgart aus. Während OB Schuster in bester Laune das Stuttgarter Weindorf eröffnete, forderten zur selben Zeit über 30.000 Bürger am Bahnhof lautstark seinen Rücktritt. Ab 18 Uhr sprachen verschiedene Redner, darunter auch der Kabarettist Peter Grohmann und der frühere Bundestagsabgeordnete Peter Conradi (SPD und entschiedener S21-Gegner) zu den DemonstrantInnen und um 19 Uhr leitete der Schauspieler Walter Sittler den inzwischen traditionellen „Schwabenstreich“ an. Währenddessen hatten sich andere bereits zu Gleis 9 im Bahnhof aufgemacht und blockierten dort beinahe eine Stunde die Abfahrt des TGV nach Paris. Anschließend wurde auf Gleis 12 die dort stehende „S-21-Werbe-Lokomotive“ besucht und auch die Abfahrt dieses Zuges dadurch erheblich verzögert. Einige Aktivisten schafften es, auf das Dach des Nordflügels zu gelangen und kündigten an, dort so lange bleiben zu wollen, bis ein Baustop erfolgt. Die einen zogen zum Weindorf, andere zum Landtag, der Charlottenplatz wurde blockiert und vor der Baustelleneinfahrt verblieb eine große Gruppe von Menschen, die Baumaschinen und Lkws am Ein- und Ausfahren hindern wollen. Gangolf Stocker vom Aktions-Bündnis gegen S21 kündigte eine Dauerblockade des Tores für die nächsten Tage an. Auf dem Arnulf-Klett-Platz erklang am Abend laute Musik aus einer mitgebrachten Stereoanlage, eine Fußballmannschaft hatte sich gebildet, andere spielten Federball und Familien lagerten auf dem begrünten Mittelstreifen. Unter den Zehntausenden Demonstranten, die aus allen Schichten der Bevölkerung kommen, herrscht eine freundschaftliche solidarische Stimmung, überall kommen die Leute miteinander ins Gespräch und die Menschen sind zugleich wütend auf die ignorante Willkür, die hier zutage tritt, und beinahe ungläubig erstaunt und begeistert über die gewaltige Woge des Widerstands, den diese Willkür in Stuttgart auslöst. Die Proteste weiten sich immer weiter im Land aus und werden längst auch international beachtet und aufmerksam verfolgt. Noch 213 Tage bis zur Landtagswahl. Peter Conradi betonte heute, dass er niemanden wählen wird, der das unsinnige Projekt S21 unterstützt. 30.000 Gleichgesinnte applaudierten ihm für diese Aussage. | Liane Krusche |