5 Jahre Mahnwache
© Roland Hägele
Laura Halding-Hoppenheit DIE LINKE.
Zwischen bürgerlichem Engagement und Feinstaubbelastung
Stuttgart 21. Juli 2015, hs. Die 280. Montagsdemo auf dem Stuttgarter Schlossplatz stand ganz im Zeichen der Feierlichkeiten zum fünfjährigen Bestehen der Mahnwache am Stuttgarter Hauptbahnhof. Doch bevor Stadträtin Laura Halding-Hoppenheit (SÖS-LINKE-PluS) ihre Laudatio mit der für sie typischen Mischung aus Humor und Biss vortrug, hatte das Publikum die Gelegenheit, sich dank der Moderation von Thomas Renkenberger über den Stand der Dinge zu informieren. Dabei war die Sorge um die aktuellen Erweiterungspläne der Stuttgarter Oper, die unter Kritikern bereits mit dem Schlagwort „Nesenbachphilharmonie“ belegt worden sind, ein dominierendes Thema. Würde doch die Erstellung eines zur Zwischennutzung der Oper vorgesehenen Neubaus auf dem Eckensee oder in seiner unmittelbaren Nähe nicht nur das Fällen weiterer Großbäume, sondern auch eine deutlich spürbare Steigerung der Feinstaubbelastung durch Baufahrzeuge bedeuten.
Womit thematisch bereits der Bogen geschlagen war zum Redebeitrag von Brigitte Dahlbender, die in ihrer Eigenschaft als Landesvorsitzende des BUND Baden-Württemberg und langjährige Vorkämpferin gegen Stuttgart 21 ihren Vortrag übertitelte mit „50 Jahre Fehlplanung in der Verkehrspolitik“. In ihm geißelte die promovierte Biologin erneut das Projekt Stuttgart 21 als fatale Weiterführung einer falschen Stadt- und Verkehrspolitik. Das Prinzip der „autogerechten Stadt“, führe, so Dahlbender, keineswegs zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung, sondern lediglich zu einer noch stärkeren Emissionsbelastung. Eine Verbesserung des Öffentlichen Nahverkehrs und ein „anständig vertakteter Fahrplan“ ermöglichten hingegen eine Entschärfung der Gesamtsituation, die allerdings dank der „Fortschreibung einer alten gleichen Politik“ unter grün-rot ignoriert werde. Angesichts eines „schwachen Oberbürgermeisters“ und eines „unfähigen Gemeinderates“ sei es, so Dahlbender, an der Zeit, Druck zu machen. Eindringlich appellierte sie an ihre Zuhörer, nicht nur ihren gerechtfertigten Widerstand gegen Stuttgart 21 aufrecht zu erhalten, sondern sich direkt an ihre Stadträte zu wenden, um hier Einfluss zu nehmen.

Brigitte Dahlbender

Direkten Einfluss hat damals auch eine Handvoll engagierter Leute genommen, als sie im Juli 2010 angesichts des damals noch existierenden Nordflügels am Bonatzbau spontan auf die Idee kam, eine Mahnwache zu gründen. Die Folge waren fünf Jahre hartnäckiger und geduldiger Aufklärungsarbeit. Unterstützt wurden die Mahnwächterinnen dabei von einer Initiative, die sich zur selben Zeit formierte und unter dem Titel „Bei Abriss Aufstand“ nicht nur eine eigene Homepage ins Leben rief, die bis heute über Aktivitäten informiert, sondern zuverlässig und regelmäßig einen handlichen Veranstaltungs-Flyer produziert, der seinerseits bei der Mahnwache erhältlich ist.
Unbürokratische Aufklärungsarbeit vor Ort also, die laut Laura Halding-Hoppenheit ein „Instrument zum Kampf gegen das bekloppte Projekt Stuttgart 21“ wurde. Und obwohl, so die Stadträtin, das „Stuttgart 21-Kartell wütet“ und dabei „jeden kleinen Rest von Anstand verloren hat“, sei die Arbeit der vielen Engagierten nicht umsonst gewesen. Im Gegenteil, „keine Minute umsonst“, betonte sie, sei gemahnt und gewacht worden. „Unsere Argumente waren richtig und wurden zehntausendfach durch die Mahnwache verbreitet!“. Die Mahnwache sei „ein Fels in der Brandung“.

Anlass genug, zumindest einen Teil dieser Unverzagten auf die Bühne zu holen und mit Blumen zu bedanken. Und während Capella Rebella (eine Formation von Hobbymusikerinnen, die sich damals ebenfalls aus einem Häufchen engagierter Stuttgart 21-Gegner zusammentat) ein „Happy Birthday“ intonierte und der ganze Schlossplatz unter der stimmgewaltigen Anleitung von Thomas Renkenberger mitsang, konnte man schon ins Grübeln kommen über eine Verwaltung, die es fertigbringt, so viel Kreativität und persönlichen Einsatz in der Bürgerschaft einfach zu ignorieren - Vielleicht lag es aber auch an den melancholischen Weisen der Formation Youkali, die die Veranstaltung auf besondere Weise umrahmte und mit ihrem Spiel einen Hauch Weltmusik, Offenheit und Charme ins investorenverliebte, autogerechte und enge Stuttgart gebracht hat.