Protestival gegen Stuttgart21
Wie man es dreht und wendet
Einige ältere Parkschützer haben sich wegen der Hitze entschuldigen lassen, aber dass sich nur 5000 Menschen an den vier Sternmärschen und dem Protestival gegen Stuttgart 21 beteiligt haben, kann eigentlich nicht sein. Die Polizei behauptet es trotzdem. Selbst nach dem Auftritt von Walter Sittler, der auf der Bühne stand und meinte, er könne vor lauter Menschen keine Wiese mehr sehen. Der BUND sagt, nach der Blockade vor dem Hauptbahnhof gingen etwa 15.000 Menschen in den Schlossgarten und während des Nachmittags kamen und gingen weitere 5000.

Wer hat sich verzählt? Auf jeden Fall Wolfgang Drexler (SPD). Denn während die letzten der Tausenden, die in den Stuttgarter Schlossgarten gekommen waren, das Festival unter den Bäumen ausklingen lassen, die für das Bahnprojekt gefällt werden sollen, erklärt er in der Tagesschau, das Projekt sei unumkehrbar, weil vier Projektpartner davon nicht weg wollen, „und jeder, der raus will, müsste 1,4 Milliarden auf den Tisch legen, so viel ist in der Zwischenzeit an Kosten aufgelaufen.“ Wenn jeder der vier Projektpartner 1,4 Milliarden auf den Tisch legen muss, sind das insgesamt 5,6 Milliarden. Fünf Monate nach Baubeginn.

Der stellvertretende Landtagspräsident und Stuttgart-21-Sprecher muss sich versprochen haben, denn er saß neben Rüdiger Grube, als dieser vor acht Monaten eineinhalb Stunden mit Joachim Dorfs von der Stuttgarter Zeitung plauderte. Und Wolfgang Drexler hat genickt. Er hat genickt, als der Bahnchef dem Chefredakteur erklärte: „Mehr als 4,5 Milliarden Euro teuer dürfe Stuttgart 21 nicht werden.“ Eine andere Summe werde er nie akzeptieren. Schließlich sei die Bahn mit 15,9 Milliarden verschuldet, da sei er gut beraten, so Grube über sich selbst, „die Verschuldung keineswegs weiter nach oben zu treiben, sondern sie deutlich zurückzuführen.“

Wolfgang Drexler und Rüdiger Grube können alles noch einmal in Ruhe durchrechnen. Vor zwei Tagen stand in der Stuttgarter Zeitung keiner der 282 Bäume falle vor 2011. 282 Bäume. Nicht 280, wie die Stuttgarter Nachrichten und auch das Schwäbische Tagblatt behaupten. Zwei Bäume mehr oder weniger macht am Ende 761.000 oder 756.000 junge Bäume, die gepflanzt werden müssten, wenn die Luft in Stuttgart nicht schlechter werden soll und man davon ausgeht, dass eine große, 100 Jahre alte Buche etwa 2300 Gramm Kohlendioxid pro Stunde aus der Luft ziehen und 1700 Gramm Sauerstoff abgeben kann.

Geht es nach Walter Sittler, bleibt noch viel mehr Zeit, um alles nachzurechnen. Der Stuttgarter Schauspieler erklärte den bisher nicht eindeutig ausgezählten, aber definitiv in der Rekordhitze schwitzenden Besuchern des Protestivals, er sei dafür, Stuttgart einfach um 100 Jahre, ach was: für immer zu verschieben. Selbst die CDU nimmt sich inzwischen Zeit zum Rechnen, wie der grüne Sprecher des Bundesverkehrsausschusses, Winfried Hermann, auf der Bühne des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 erklärte: Angesichts knapper Kassen, sorgten sich alle, um die zukünftige Finanzierung von Verkehr und Infrastruktur.

Die Landesvorsitzende vom BUND, Dr. Brigitte Dahlbender, sorgt sich nicht nur, sie schlägt ganz konkret vor, in die Rheintalbahn, in den Bau der Neubaustrecke nach Ulm, in die Strecke zwischen Mannheim und Frankfurt und nicht in Stuttgart 21 zu investieren: „Die Bürgerinnen und Bürger in ganz Baden-Württemberg sind in der Mehrzahl gegen Stuttgart 21.“ Die Mehrzahl. Wieder eine Zahl. Infratest dimap hat bei der Kommunalwahl im vergangenen Jahr ermittelt, dass 54 Prozent der Wähler gegen das Bahnprojekt sind. Ob Brigitte Dahlbender recht hat und nicht nur die Stuttgarter, sondern die Bürger und Bürgerinnen in ganz Baden-Württemberg gegen Stuttgart 21 sind, werden wir nächstes Jahr im März sehen. Immerhin haben es bei der vergangenen Landtagswahl 5,4 der 7,5 Millionen wahlberechtigten Bürger abgelehnt, der CDU oder der FDP ihre Stimme zu geben. Gerhard Pfeifer vom Aktionsbündnis ist auf jeden Fall überzeugt, dass mit dem Festival der Protest im ganzen Land angekommen ist. Es hat bisher nur sehr wenige Kundgebungen in Stuttgart gegeben, an denen so viele Menschen teilgenommen haben. Und Gangolf Stocker von der SÖS meint sogar, die Stadt verändere sich. „Die Bürgerinnen und Bürger werden selbstbewusster.“                                                                                                 Gesine Kulcke