Das ist untragbar!
Eröffnung des Einkaufszentrums Milaneo
Stuttgart, 9.10.2014, L.K. Um 8 Uhr heute morgen wurde unter großem Andrang von schau- und kauflustigen Kunden - vor allem junge Leute - das Milaneo am Mailänder Platz eröffnet. Auf ca. 43.000 qm finden sich 200 Geschäfte, Dienstleister und Gastronomiebetriebe, darunter auch die die Ketten Primark, H&M, ZARA und C&A, die wegen unmenschlicher Arbeitsbedingungen ihrer Zulieferer in der Kritik sind. So ist es nicht verwunderlich, dass es neben dem Andrang zur Eröffnung auch Protestaktionen gab. Unter dem Motto „Das ist untragbar“ protestierte eine Initiative von INKOTA, medice international, ver.di und Kampagne für saubere Kleidung gegen die Ausbeutung der NäherInnen in den Textilfabriken Südasiens und anderer südlicher Länder. Durch die europäischen Auftraggeber werden die Hersteller direkt oder indirekt gezwungen, immer schneller und billiger zu produzieren, so dass sie an einfachsten Sicherheitsmaßnahmen sparen und ihren ArbeiterInnen Hungerlöhne zahlen, von denen diese trotz vieler Überstunden kaum überleben können. Die mangelhafte Sicherheit führte am 24.4.2013 zu einer tödlichen Katastrophe, als die siebenstöckige Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesh einstürzte und über 1100 Menschen dabei den Tod fanden. 1500 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt und kämpfen bis heute um eine angemessene Entschädigung. Die Initiative „untragbar“ setzt sich für bessere Sicherheits- und Arbeitsbedingungen und Bezahlung der ArbeiterInnen ein.
Die Aktivistinnen bewunderten als hirnlose KonsumentInnen in Sprechgesängen ein übergroßes goldenes T-Shirt. Als sie die Aufschrift auf der Rückseite des T-Shirts sahen - „Wenn das T-Shirt mehr wert ist als die Näherin, liegt es an uns!“ - hörte ihr Bewundern auf und sie riefen laut „Ausbeutung ziehen wir uns nicht an!“ und verliessen geschlossen das Gebäude. Die Gruppe der „Kampagne saubere Kleidung“ betont: „Konsum ohne Rücksicht auf die Kosten, und sei es das Leben, ist eine nicht zu verantwortende Wirtschaftsweise, die damit dem Aushängeschild der „Fair-Trade“ Stuttgart widerspricht. Die Modehändler in dem neuen Einkaufszentrum Milaneo sind mitverantwortlich für menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, fehlende ArbeiterInnen-Rechte und einsturzgefährdete Produktionsstätten“.
Schwester Norris Nawab aus Pakistan weilt derzeit als Gast in Stuttgart und wünscht sich, dass die Menschen hier sich der Verantwortung von Modeketten und ihren KundInnen bewusst werden und sich für die Rechte der Menschen in der Textilbranche in Pakistan und anderswo einsetzen.
Aber auch zu den stadt- und verkehrspolitischen Aspekten des Milaneo-Baus gibt es Kritik. Der VCD weist darauf hin, dass das Milaneo täglich rund 25.000 Menschen erwartet, da sich das Einkaufszentrum andernfalls nicht rechnet. Dies bedeute ein zusätzliches Verkehrsaufkommen von 20.000 bis 30.000 Kfz-Fahrten pro Tag. Zwar wurde vonseiten der Stadt ein verbessertes Nahverkehrsangebot versprochen, dieses gibt es aber (noch) nicht. Die S-Bahn ist seit dem Bau von Stuttgart 21 im Gegenteil so unpünktlich und störanfällig wie noch nie, die Stadtbahnverbindung durch das A1-Gelände noch nicht fertiggestellt und der Weg vom Hauptbahnhof weit und genau so wenig einladend wie der zur Stadtbahn-Haltestelle Türlenstraße. So erwartet der VCD, dass ein Großteil der Kunden mit dem Pkw kommen und die angebotenen 1700 Parkplätze in Anspruch nehmen werden. Die von der Stadt genannten Verkehrsprognosen gehen für die Heilbronner Straße von +25 % aus, was plus 13.000 Kfz/Tag entspricht, und für die Wolframstraße von +41 % = plus 8.000 Kfz/Tag. Am Neckartor, wo die Grenzwerte für Feinstaub seit Jahren überschritten werden, rechnet man mit einer Verkehrszunahme von 10 %. Dies sind umgerechnet jährlich 7 - 12 Millionen zusätzliche Kfz-Fahrten! Hinzu kommt noch der LKW-Baustellenverkehr für das Projekt S21.
Dieter Bareis vom Klima- und Umweltbündnis Stuttgart hält das Milaneo für einen gewaltigen Rückschritt im Hinblick auf eine maßvolle und nachhaltige Flächennutzung und Verkehrspolitik, die wir für ein Stuttgart mit weniger Feinstaub und CO2, weniger Lärm und Flächenversiegelung dringend bräuchten. „Dass freiwerdende Flächen vor allem dem Profit und kaum der Lebensqualität der BürgerInnen dienen, offenbart die erschreckend konzeptlose und umweltfeindliche Praxis der Stuttgarter Stadt- und Verkehrspolitik.“
Erst vor kurzem wurde am anderen Ende der Innenstadt das Gerber-Viertel eröffnet, ebenfalls ein großes Einkaufszentrum - wie sich diese zusätzlichen Einkaufsmöglichkeiten auf die Geschäfte und die Gastronomie in der Innenstadt sowie im nahen Umland auswirken werden, bleibt abzuwarten. Schon jetzt verödet der Marktplatz mehr und mehr, weil sich alteingesessene Geschäfte die enorm gestiegenen Mieten nicht mehr leisten können und aufgeben.